Natriumhydrogencarbonat
Natriumhydrogencarbonat (Trivialname: Natron) hat die Summenformel NaHCO3, ist ein Natriumsalz der Kohlensäure und zählt zu den Hydrogencarbonaten. Gelegentlich werden für Natriumhydrogencarbonat auch die veralteten und chemisch unzutreffenden Trivialnamen doppeltkohlensaures Natron und Natriumbicarbonat (auch kurz NaBi) verwendet. Im Handel wird es auch unter den Bezeichnungen Speisesoda, Backsoda, Backnatron, Speisenatron sowie Markennamen wie Kaiser-Natron und Bullrich-Salz angeboten. Für den Normalbürger dürften die bedeutendsten Anwendungen darin bestehen, es als Backpulver zu nutzen, als Hausmittel gegen Sodbrennen oder, zusammen mit Essig oder anderen Säuren, gegen Ablagerungen und daraus entstehende Gerüche.
Die Verbindung sollte nicht mit Natriumcarbonat (Soda/„Waschsoda“, Summenformel Na2CO3) verwechselt werden.
Etymologie Natron
Das Wort Natron existiert seit Beginn der Neuzeit im Deutschen (in den Formen anatron, natrum und natron) und entstand (wie spanisch, französisch und englisch natron sowie „Natrium“) über arabisch naṭrūn (bzw. anatrūn; vgl. das unterägyptische „Natrontal“ „Wadi an-Natrūn“, woher früher ein Gemisch aus Natriumcarbonat und Natriumhydrogencarbonat zum Wasserentzug aus Mumien bezogen wurde<ref>Renate Gerner: Bei der Mumifizierung verwendete Instrumente und Substanzen. In: Renate Gerner, Rosemarie Drenkhahn (Hrsg.): Mumie und Computer. Ein multidisziplinäres Forschungsprojekt in Hannover. Sonderausstellung des Kestner-Museums Hannover vom 26. September 1991 bis 19. Januar 1992. Kestner-Museum, Hannover 1991, ISBN 3-924029-17-2, S. 28 f.</ref>) aus griechisch nítron (νίτρον) (Herodot; attisch lítron (λίτρον)), welches auf altägyptisch ntr zurückzuführen ist. Aus dem griechischen nítron (Natron, Soda, Salpeter) war auch lateinisch (sal) nitrum und deutsch Salniter gebildet worden (woraus dann Nitrogen, Nitrat usw. herleitbar sind).<ref>Franz Dornseiff: Die griechischen Wörter im Deutschen. Walter de Gruyter & Co, Berlin 1950, S. 44.</ref><ref>Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 504.</ref>
Bereits im Wörterbuch der ägyptischen Sprache von Adolf Erman und Hermann Grapow wurden vor einem knappen Jahrhundert griechisch nítron (νίτρον) und hebräisch neter/nether mit dem altägyptischen Wort nṯr.j verknüpft, das im 2. Jahrtausend vor Christus etwa /natsₑra-/ ausgesprochen wurde. Da sich das Natronwort in dieser Zeit in vielen unverwandten, aber benachbarten Sprachen findet, muss diese Etymologie als wahrscheinlich betrachtet werden.<ref name="NHC22">Vorlage:Literatur</ref>
Altägyptisch nṯr.j bedeutet in Bezug auf Natron jedoch nicht „göttlich“ und bezeichnet auch das Natron nicht als göttliche Substanz, wie häufig zu lesen ist. Alle Gegenstände und Substanzen zur Vorbereitung eines Leichnams für das Begräbnis und der Mumifizierung heißen grundsätzlich nṯr.j, zum Beispiel auch Mumienbinden und Mumifizierungsgeräte, also „zum Begräbnis gehörende Sache“.
Vorkommen
Natriumhydrogencarbonat kommt als natürliches Mineral Nahcolith unter anderem in den Vereinigten Staaten vor. Es tritt meist feinverteilt in Ölschiefer auf und kann dann nur als Beiprodukt der Ölförderung gewonnen werden. Ein Bergbau besonders reicher Nahcolith-Horizonte wird im Bundesstaat Colorado betrieben, die jährliche Förderung lag im Jahre 2007 bei 93.440 Tonnen.<ref>Präsentation des US Geological Survey zu Nahcolith-Vorräten in Colorado (PDF 12 MB, engl.).</ref> Es gibt auch Fundorte in Europa.
Herstellung
Umsetzung von gesättigter Natriumcarbonatlösung mit Kohlenstoffdioxid unter Kühlung:
- <math>\mathrm{Na_2CO_3 + CO_2 + H_2O \longrightarrow 2 \ NaHCO_3\downarrow}</math>
Dies ist eine Gleichgewichtsreaktion, die aber durch die relative Schwerlöslichkeit von Natriumhydrogencarbonat stark nach rechts verschoben ist. Das abfiltrierte Natriumhydrogencarbonat muss vorsichtig getrocknet werden, damit es sich nicht wieder zersetzt (in Umkehrung der Bildungsreaktion).
Auf diese Weise wurde es erstmals durch den Apotheker Valentin Rose den Jüngeren 1801 in Berlin dargestellt.
Im Solvay-Verfahren als Zwischenprodukt ausfallendes Natriumhydrogencarbonat wird wegen der mitgefällten Verunreinigungen (hauptsächlich Ammoniumchlorid) normalerweise nicht verwendet.
Ein seit Ende des 19. Jahrhunderts übliches Verfahren ist die Chloralkali-Elektrolyse.
Eigenschaften
Natriumhydrogencarbonat ist ein farbloser, kristalliner Feststoff, der sich oberhalb einer Temperatur von 100 °C unter Abspaltung von Wasser und Kohlenstoffdioxid zu Natriumcarbonat zersetzt, wobei die Reaktion ab einer Temperatur von 120 °C rasch verläuft.<ref name="A.E. Simchen" /><ref name="Miloslav Hartman" /> Andere Quellen geben abhängig von Korngröße und Reaktionsbedingungen auch Werte von 65 °C<ref name="Eckard Amelingmeier">Vorlage:Literatur</ref> oder etwa 85 °C<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref> an.
- <math>\mathrm{2 \ NaHCO_3 \longrightarrow Na_2CO_3 + CO_2 + H_2O }</math>
An feuchter Luft erfolgt eine langsame Abspaltung von Kohlenstoffdioxid unter Bildung von Natriumsesquicarbonat.<ref name="Eckard Amelingmeier" />
In Wasser löst es sich – im Gegensatz zu Natriumcarbonat – mit nur schwach alkalischer Reaktion.<ref name="Arnold F. Holleman" />
- <math>\mathrm{HCO_3^{\,-} + H_2O \leftrightharpoons H_2O + CO_2 + OH^- }</math>
Natriumhydrogencarbonat kristallisiert monoklin in der Vorlage:Raumgruppe mit den Gitterparametern a = 3,51 Å, b = 9,71 Å, c = 8,05 Å und β = 111° 51′.<ref name="DOI10.1107/S0365110X62000158">R. L. Sass, R. F. Scheuerman: The crystal structure of sodium bicarbonate. In: Acta Crystallographica. 15, 1962, S. 77–81, Vorlage:DOI.</ref> Die Verbindung bildet Mischkristalle mit Natriumcarbonat.<ref name="Arnold F. Holleman" />
Verwendung
Natriumhydrogencarbonat wird hauptsächlich zur Herstellung von Backpulver und Brausepulver verwendet. Die weltweite Produktionsmenge liegt im 100.000-Tonnen-Bereich.<ref name="Arnold F. Holleman">Vorlage:Holleman-Wiberg</ref>
Die Verbindung findet allgemein vielfältige Anwendung:
- In der Lebensmitteltechnik
- als Bestandteil von Backpulvern bzw. Triebmitteln<ref name="GESTIS"/>
- als Bestandteil von Brausepulvern<ref name="GESTIS"/>
- In der Medizin
- zum Zähneputzen (Natron bzw. baking soda ist wegen seiner abrasiven und somit aufhellenden Wirkung in einigen Zahnpasten enthalten, insb. in den USA)<ref name="Wilfried Umbach">Vorlage:Literatur</ref>
- bei der professionellen Zahnreinigung (PZR) in der Prophylaxe
- als Mittel gegen Sodbrennen wegen der Neutralisationswirkung unter Bildung von ungiftigen Reaktionsprodukten (CO2 und Wasser); gilt heute als veraltet<ref name="Forth">Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref> (siehe Antazidum, Protonenpumpenhemmer). NaHCO3 ist dennoch in vielen Produkten gegen Sodbrennen und säurebedingte Magenprobleme enthalten. Beispielsweise besteht Bullrich-Salz (Delta-Pronatura-Gruppe) zu 100 % aus Natriumhydrogencarbonat.<ref name="Arnold F. Holleman" />
- als Antidot bei Vergiftungen durch Barbiturate, Salicylate und trizyklische Antidepressiva<ref>Antidot-Monographie für Natriumhydrogencarbonat (PDF; 60 kB).</ref>
- als Bestandteil einer Trinklösung (zusammen mit Kaliumchlorid, Natriumchlorid und Macrogol) zur Darmreinigung als Vorbereitung einer Koloskopie (Darmspiegelung).<ref>Beipackzettel von einschlägigen Präparaten wie Moviprep, Prepacol, Endofalk, Klean Prep, CitraFleet</ref>
- als Puffersubstanz zum Ausgleich des Basendefizites bei der Hämodialyse (Azidosekorrektur). Bei der sogenannten Bicarbonatdialyse ist Natriumhydrogencarbonat der wohl wichtigste Bestandteil des Dialysats. Im Gegensatz zu Acetat oder Lactat muss NaHCO3 nicht erst verstoffwechselt werden, um seine Wirkung zu entfalten. Weltweit ist es wegen seiner Vorteile für das Herz-Kreislaufsystem die am häufigsten eingesetzte Puffersubstanz bei der Hämodialyse. Außerdem kommt es bei diesem Verfahren seltener zu Blutdruckabfällen, Übelkeit und Krämpfen.<ref name="Rainer Nowack, Rainer Birck, Thomas Weinreich">Vorlage:Literatur</ref><ref name="gesundheits-lexikon.com">Vorlage:Internetquelle</ref>
- zur Behandlung der metabolischen Azidose<ref name="Wolfgang Hartig">Vorlage:Literatur</ref> und Hyperkaliämie<ref name="Franz-Josef Kretz, Karin Becke">Vorlage:Literatur</ref>
- In der Luftfahrttechnik
- zur Hitzeabsorption und zur Schaffung einer brandhemmenden Atmosphäre in Flugschreibern<ref>Vorlage:Patent</ref>
- In der Umwelttechnik
- als Sorptionsmittel für saure Abgasbestandteile (SOx, HCl) in Rauchgasreinigungsanlagen (Bicar-Verfahren)
- Historisch zur Dehydratisierung von Leichen (Mumifizierung)
- In der Landwirtschaft
- als Mittel gegen Pilzerkrankungen wie Mehltau und Graufäule, bekannt unter dem Namen Steinhauers Mehltauschreck<ref name="22_Echter_Mehltau_Gurken_GM_09.pdf">oekolandbau.nrw.de: Vorlage:Webarchiv, abgerufen am 17. Mai 2014.</ref>
- als pH-Wert-Puffer in der Milchviehfütterung<ref name="portal-rind.de">portal-rind.de: Auswirkungen von Fütterungsfehlern und Stoffwechselstörungen auf die Klauengesundheit:: Portal-Rind.de, abgerufen am 17. Mai 2014.</ref>
- als Käsereifungsmittel (pH-Abstumpfung, bei der Sauermilchkäserei) und zur Verzögerung der Milchgerinnung<ref name="RömppOnline">Vorlage:RömppOnline</ref>
- Als Bestandteil von Feuerlöschpulvern (Abgabe von CO2 bei Erhitzung<ref name="Arnold F. Holleman" />)
- Zum Strecken von synthetischen Drogen wie Amphetamin sowie zur Herstellung von Crack aus Kokain<ref name="Thomas Geschwinde">Vorlage:Literatur</ref>
- Im Haushalt
- als Bestandteil von Feinwaschmitteln<ref name="Günter Wagner">Vorlage:Literatur</ref>
- durch seine feinkörnige Struktur kann es als sanftes Scheuermittel eingesetzt werden<ref name="br1">Natron - Gesundheit, Backen und Reinigen: 7 tolle Natron-Tricks, Stand 11. Juli 2022. IN: br.de</ref>
- Zum Entfernen angebrannter und verkrusteter Speisereste. Der Effekt beruht teilweise auf der Verseifung fetthaltiger Nahrungsmittelreste.<ref name="Christa Pöppelmann">Vorlage:Literatur</ref> Wirksamer (und aggressiver bei Kontakt mit Haut und Schleimhäuten) ist jedoch das stärker alkalisch reagierende (Wasch-)Soda (Natriumkarbonat).<ref>Soda, Natron, Essig - Diese Hausmittel ersetzen alle chemischen Reinigungsmittel, Stand 16. September 2020. IN: br.de</ref>
- Eine Prise Natron im Kochwasser lässt Erbsen, Linsen und Bohnen schneller weich werden und nimmt verschiedenen Kohlsorten die blähende Wirkung.<ref name="Christa Pöppelmann" />
- Als Mittel gegen Ameisen und Kakerlaken: Streut man Natron in die Löcher des Ameisenbaus und auf die Ameisenwege, nehmen die Ameisen das Natron auf und tragen es mit in ihren Bau. Natron ändert den pH-Wert im Körper der Ameisen, was zum Tode führt (Waldameisen stehen unter Naturschutz).<ref>Softkill mit Soda, Artikel von Christoph Drösser auf Zeit Online, 30. April 2009, abgerufen am 16. Juni 2013.</ref>
- Überschüssige Säure in Lebensmitteln wird durch Natron neutralisiert oder abgeschwächt.<ref name="GESTIS"/> Dies ist etwa bei der Zubereitung von Konfitüren aus sauren Früchten wie Sanddorn oder Rhabarber von Bedeutung, da diese so einen milderen Geschmack erhalten und weniger Zucker verwendet werden muss. Auch zu einer Speise übermäßig zugesetzter Essig oder Zitronensaft kann durch Natron neutralisiert werden.<ref name="Georg Schwedt">Vorlage:Literatur</ref>
- In der Aquaristik und im Poolwasser
- zur Erhöhung der Pufferkapazität zur Verhinderung eines Säuresturzes
- zur Regulierung des KH-Wertes, z. B. in der Meerwasseraquaristik,<ref name="Bauanleitungen zum Thema Aquarium und Aquaristik">Bauanleitungen zum Thema Aquarium und Aquaristik: Vorlage:Webarchiv, abgerufen am 17. Mai 2014</ref> oder zur Regulierung der Alkalität in Swimmingpools (sogenannte Alka-Plus-Produkte bestehen aus Natriumhydrogencarbonat)
- In Spielzeugraketen dient es zusammen mit Essig oder Zitronensäure als Treibstoff (durch Bildung des Gases Kohlenstoffdioxid)<ref name="auer-verlag.de">auer-verlag.de: Die Brausepulverrakete, abgerufen am 4. Oktober 2015.</ref>
- Im Labor zur Neutralisation verschütteter Säuren, zumeist als 5%ige Lösung.
- Als nicht abrasives Strahlmittel in der Strahltechnik, siehe Sodastrahlen
- Zum Lösen von Uran in Gesteinsformationen beim In-situ-leaching-Verfahren (ISL-V.)<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
Biologische Bedeutung
Mit Säuren reagiert es schäumend unter Bildung von Kohlenstoffdioxid und Wasser.
- <math>\mathrm{NaHCO_{3(aq)} + HCl_{(aq)} \longrightarrow NaCl_{(aq)} + CO_{2(g)} + H_2O}</math>
Die Möglichkeit, Säuren durch HCO3− zu neutralisieren, ist lebenswichtig.
- Im Magen muss aufgrund der dort aktiven Enzyme ein saures Milieu herrschen, dies geschieht durch Produktion von Chlorwasserstoff (HCl), woraus sich zusammen mit Wasser der Magensaft (ca. 0,5-prozentige Salzsäure) bildet, dessen pH-Wert (nüchtern) bis auf 1–1,5 sinken kann. Die Epithelzellen der Magenwand, die bei einem so niedrigen pH-Wert sofort zugrunde gehen würden, schützen sich selbst durch Abgabe von mit HCO3− versetztem Schleim.<ref>Bikarbonatbatterie, S. E. Miederer, Fortschr Med.1994,Jun 10; 112(16):235–8, PubMed</ref> Dringen H+-Ionen der Salzsäure in die Schleimschicht ein, so werden sie zu CO2 und Wasser neutralisiert. Das CO2 entweicht zumeist durch die Speiseröhre.
- Im Dünndarm wird wiederum eine alkalische Umgebung benötigt, da hier andere Enzyme die Spaltung der Nährstoffe übernehmen. Die Änderung des pH-Wertes erfolgt im Zwölffingerdarm (Duodenum) durch Einspeisung des Sekretes der Bauchspeicheldrüse, welches unter anderem ebenfalls – wie der im Magen abgegebene Schleim – HCO3− enthält. Eine eingeschränkte Abgabe von HCO3− durch das Pankreas (exokrine Pankreasinsuffizienz) bedingt eine Übersäuerung des Duodenums und damit ein unphysiologisches Milieu für Verdauungsenzyme.
- Hydrogencarbonat HCO3− ist der wichtigste Blutpuffer zur Regulierung des Säure-Basen-Haushalts des Menschen.
Weblinks
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Einzelnachweise
<references/>