Muslimische Jugend Österreich
Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) wurde im Jahr 1996 in Linz gegründet. Als Bundesvorsitzende fungieren Hager Abouwarda und Adis Serifovic.<ref>MJÖ - Muslimische Jugend Österreich. Abgerufen am 4. August 2024.</ref> Sie ist Mitglied der österreichischen Bundesjugendvertretung (BJV).<ref>Website der BJV. Abgerufen am 16. August 2017.</ref> Im März 2017 wurde der Landesvorsitzender Derai Al Nuaimi der Muslimischen Jugend Österreich zu einem Bundesvorsitzenden der Bundesjugendvertretung gewählt.<ref>ots.at: OTS Aussendung BJV neues Vorsitzteam gewählt. Abgerufen am 16. August 2017.</ref>
Profil
Die Muslimische Jugend Österreich ist der älteste deutschsprachige, muslimische Jugendverein in Österreich. Sie ist nicht aus einem muslimischen Erwachsenenverein hervorgegangen. Die MJÖ hat nach eigenen Angaben rund 30.000 Mitglieder.<ref>Muslimische Jugend: Feier mit Heimat. Abgerufen am 8. November 2017.</ref>
Die MJÖ beschreibt sich als unabhängig und will eine „österreichisch-islamische Identität“ kreieren. „Fern ab von religiösem Extremismus auf der einen und einer völligen Auflösung der eigenen Identität auf der anderen Seite wollen wir eine österreichisch-islamische Identität kreieren“ heißt es in der Selbstdarstellung der MJÖ.<ref>Selbstdarstellung auf der Webseite der Muslimischen Jugend Österreich</ref> Sie wollen eine „Gesellschaft ohne Diskriminierung jeder Art, freien Zugang zur Bildung und mehr Mitbestimmung für Jugendliche“.
Eines der wichtigsten selbst formulierten Ziele der Muslimischen Jugend Österreich ist die Förderung von Bildung. Sie versteht sich „als feministische Organisation und strebt eine Gesellschaft an, in der Frauen und Männer in allen Bereichen des Gesellschaftslebens gleichermaßen teilnehmen“.<ref>Selbstdarstellung der MJOE. Abgerufen am 8. November 2017.</ref>
Seit dem Jahr 2005 sind die „Jungen Musliminnen Österreich“ (JMÖ) als Frauenorganisation organisatorisch eigenständig und unabhängig vertreten<ref>Website der „Jungen Musliminnen Österreich“ (JMÖ)</ref> und teils Teilnehmerinnen der Projekte „Fatima 2005“ und „Fatima 2007 - Qualifikationsoffensive für muslimische Mädchen“.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />„FATIMA 2005 - Eine Qualifikationsoffensive für muslimische Mädchen“ ( des Vorlage:IconExternal vom 10. Juli 2007 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., einjähriges Projekt des BM</ref>
Die Muslimische Jugend Österreich wurde vom ehemaligen Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend unterstützt,<ref>finanzielle Unterstützung durch BM für Wirtschaft, Familie und Jugend, laut Antwort auf parlamentarische Anfrage Nr. 4333/J, 2006</ref> dessen Familien- und Jugendagenden 2014 an das neu geschaffene Bundesministerium für Familien und Jugend übertragen wurden.
Geschichte
Die Muslimische Jugend Österreich entstand aus einem Freundeskreis muslimischer Jugendlicher aus Oberösterreich. Der Entschluss, „islamisch aktiv“ zu werden, wurde schon 1995 gefasst. Am 5. März 1996 erfolgte dann die vereinsrechtliche Gründung. 1999 gründete sich die Gruppe unter dem heutigen Namen neu.<ref>Hafez, Farid; Heinisch, Reinhard; Kneucker, Raoul; Polak, Regina (Hrsg.): Jung, muslimisch, österreichisch. Einblicke in 20 Jahre Muslimische Jugend Österreich. Wien 2016, S. 316.</ref>
Als eine der ersten regelmäßigen Veranstaltungen und Aktivitäten kann das seit 1996 veranstaltete „Linzer Muslim Treffen“ angesehen werden.<ref>Hafez, Farid; Heinisch, Reinhard; Kneucker, Raoul; Polak, Regina (Hrsg.): Jung, muslimisch, österreichisch. Einblicke in 20 Jahre Muslimische Jugend Österreich. Wien 2016, S. 46.</ref> Ab 2001 folgten regelmäßige Ferienlager im Sommer und Winter, gefolgt von einer Reihe an Länderreisen („Frankreich, Bosnien, Spanien, Türkei, Ägypten, England, Tunesien“).
Am 9. September 2006 fand die 10-Jahr-Feier der MJÖ im Austria Center Vienna in Wien statt. Neben Reden des damaligen Nationalratspräsidenten Andreas Khol (ÖVP), vom damaligen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) Anas Schakfeh und von Tariq Ramadan wurde musikalische Unterhaltung von Sami Yusuf und dem deutschen Rapper Ammar114 geboten.<ref>Website der Muslimischen Jugend Österreich. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref>
Am 11. September 2006 wurde vor einem Lokal der MJÖ in Wien-Rudolfsheim eine Bombenattrappe gefunden mit einem Zettel mit der Aufschrift „4. Juli 1926 – Weimar“, dem Gründungstag der Hitlerjugend und ersten NSDAP-Parteitag. Der Täter, der mittels Rufdatenrückerfassung seiner SMS identifiziert werden konnte, war ein 29-jähriges, ehemaliges Mitglied des Vereins, der die Haltung der MJÖ zu „lasch“ fand. Im Gerichtsverfahren betonte der im 20. Lebensjahr zum Islam konvertierte Mann, die Tat als „Protestaktion gegen die Arbeitsweise der MJÖ“ begangen zu haben, da sie seiner Meinung nach „nicht den richtigen Islam“ vertrete und „zu defensiv“ agiere. Im Februar 2007 wurde der gebürtige Wiener zu 15 Monaten Haft, fünf davon unbedingt, verurteilt.<ref>Wien ORF.at: „Bombenattrappe: Teilbedingte Haft“. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref>
Seit 2010 betätigt sich die MJÖ vermehrt auch im Wohltätigen Bereich. So beteiligte sie sich mehrere Male an der humanitären Aktion 72h ohne Kompromiss der Katholischen Jugend Österreich.<ref>Website der Muslimischen Jugend Österreich. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref> 2011 startete die MJÖ erstmals ihr seitdem jährlich stattfindendes, karitatives Projekt Ramadan - Teilen ohne Grenzen (FTH).<ref>Website des Projektes Fasten Teilen Helfen. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref><ref>Presseaussendung Fasten Teilen Helfen. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref><ref>Die Presse: Presse Artikel FTH. Abgerufen am 8. Februar 2017.</ref> 2025 feierte die MJÖ das 15-jährige Bestehen des Projekts.<ref>15 Jahre „Fasten, Teilen, Helfen“: Zusammenleben – Zusammenhelfen. Abgerufen am 8. November 2025.</ref>
Im Juni 2013 rief die MJÖ angesichts der Hochwasserkatastrophe muslimische Jugendliche zur Mithilfe auf und beteiligte sich in Zusammenarbeit mit der Katholischen Jugend Österreich an Hilfs- und Aufräumarbeiten.<ref>OTS Aussendung Hochwasser Hilfsaktion. Abgerufen am 11. August 2017.</ref> Abweisenden Bemerkungen der FPÖ in Traismauer folgte eine öffentliche Empörung und eine Distanzierung und Entschuldigungen seitens FPÖ-Funktionären.<ref>Kurier Artikel Hochwasser FPÖ sorgt für Eklat auf Facebook. Abgerufen am 11. August 2017.</ref>
Einen Tag nach dem Amoklauf von Graz 2025 initiierte die MJÖ eine Gedenkveranstaltung am Grazer Hauptplatz. An der Veranstaltung nahmen Bundespräsident Alexander Van der Bellen und die Grazer Stadtregierung teil.<ref>Gedenkfeier in Graz: „Wir mögen keine Worte haben, aber wir haben einander“. 11. Juni 2025, abgerufen am 8. November 2025.</ref><ref>ORF überträgt „Gedenkgottesdienst für Opfer von Graz“ live. 11. Juni 2025, abgerufen am 8. November 2025.</ref> In der vom Amoklauf betroffenen Schule waren Mitglieder der MJÖ anwesend.<ref>Attacke in Graz: Gedenkgottesdienst in Grazer Dom. 11. Juni 2025, abgerufen am 8. November 2025.</ref>
Vorgeworfene Nähe zur Muslim-Bruderschaft
Am 14. Jänner 2015 gelangte eine parlamentarische Anfrage von Anneliese Kitzmüller (FPÖ) in den Nationalrat, betreffend der finanziellen Unterstützung der MJÖ durch das ehemalige Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend sowie über mögliche Verbindungen der MJÖ zur Muslimbruderschaft.<ref>Parlamentarische Anfrage vom 14. Jänner 2015, parlament.gv.at</ref> Bezüglich der behaupteten Verbindung zur Muslimbruderschaft wurde die MJÖ im Zuge der Anfragebeantwortung von Familienministerin Sophie Karmasin zu einer Stellungnahme aufgefordert.<ref>Beantwortung durch die Bundesministerin am 13. März 2015, parlament.gv.at</ref> In der Stellungnahme bestreitet die MJÖ die Vorwürfe und weist diese zurück.<ref>Stellungnahme der MJÖ, parlament.gv.at</ref>
Der Religionspädagoge Ednan Aslan verortete die MJÖ in ideologischer Nähe des politischen Islam und der Muslim-Bruderschaft. Vertreter der MJÖ wiesen diese Vorwürfe als „abstruse Verschwörungstheorien“ zurück.<ref>Islam in Österreich: Muslimische Jugend wehrt sich gegen Vorwürfe, religion.orf.at, Orientierung vom 1. Februar 2015</ref> In der Neuen Zürcher Zeitung erschien 2015 ein Artikel über mögliche Verflechtungen mit der Muslimbruderschaft.<ref>Im Schatten der Muslimbruderschaft nzz.at, 28. Oktober 2015</ref>
Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil behauptete in seiner Ausgabe vom 26. Jänner 2015 unter anderem, dass die Organisation Mitglied beim Femyso sei, Verbindungen zur Muslimbruderschaft pflege und finanzielle Zuwendungen von „ausländischen Sponsoren“ und Stiftungen erhalte.<ref name="prof1">Richtigstellung: Muslimische Jugend Österreich (MJÖ), profil.at, 9. Mai 2015</ref><ref name="Orf1">„Profil“ zieht Vorwürfe gegen Muslimische Jugend zurück, orf.at, 4. Mai 2015</ref><ref name="Orf2">Muslimbrüder? „profil“ zieht Vorwürfe gegen MJÖ zurück, religion.orf.at, 4. Mai 2015</ref><ref name="prat">Mitteilung des Österreichischen Presserats/Senat 2 vom 28. April 2015, presserat.at, abgerufen am 2. Oktober 2015</ref> Eine Leserin des Magazins wandte sich aufgrund der Behauptungen im Nachrichtenmagazin an den Österreichischen Presserat, welcher jedoch kein selbständiges Verfahren eingeleitete.<ref name="prat" /> Der MJÖ strengte ein Zivilverfahren gegen das Nachrichtenmagazin an, nachdem sich Profil geweigert hatte, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Kurz vor der Gerichtsverhandlung kam es zu einer außergerichtlichen Streitbeilegung mit einer Richtigstellung durch das Nachrichtenmagazin, in welcher festgestellt wird, dass die MJÖ nicht in organisatorischer und ideologischer Beziehung zur Muslimbruderschaft stehe, nur im Zeitraum von 2003 bis 2005 außerordentliches Mitglied beim Femyso gewesen sei und die MJÖ keine finanziellen Zuwendungen durch Stiftungen oder aus dem Ausland erhalte.<ref name="prof1" /><ref name="Orf1" /><ref name="Orf2" />
Nachdem der österreichische Politiker Efgani Dönmez am 6. Mai 2017 in seinem Blog und in den Oberösterreichischen Nachrichten Vermutungen über Verbindungen der MJÖ zur Muslimbruderschaft angestellt hatte,<ref>Alles nur Zufall, Herr Bundespräsident?. efganidoenmez.at (Weblog), 6. Mai 2017. Abgerufen am 13. Dezember 2018</ref> wurde dazu eine Gegendarstellung seitens der Organisation veröffentlicht, dass zwischen MJÖ und der Muslimbruderschaft keine organisatorische und/oder ideologische Verbindungen bestehen.<ref>Artikel Gegendarstellung - Dönmez direkt. Oberösterreichische Nachrichten, abgerufen am 16. August 2017.</ref>
Die Kronen Zeitung veröffentlichte 2017 eine „redaktionelle Richtigstellung“ mit der Aussage, dass keine Anknüpfungen der MJÖ mit der Muslimbruderschaft bestehen.<ref>VdB-Sager: Keine "Falle" der Muslimischen Jugend. Kronen Zeitung, 9. August 2017. Memento aus dem Internet Archive vom 14. September 2017</ref>
Auszeichnungen
- 2019: Jugendkarlspreis<ref>Projekt "Muslime gegen Antisemitismus" ausgezeichnet. 28. Mai 2019, abgerufen am 22. September 2025.</ref>
Literatur
- Nikola Ornig (2006): Die Zweite Generation und der Islam in Österreich: eine Analyse von Chancen und Grenzen des Pluralismus von Religionen und Ethnien. Grazer Universitätsverlag (Zusammenfassung (PDF))
- Andreas Valicek (2008): MJÖ - Muslimische Jugend Österreich. Diplomarbeit, Universität Wien. Fakultät für Sozialwissenschaften
Weblinks
Einzelnachweise
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