Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| G44.4 | Arzneimittelinduzierter Kopfschmerz, anderenorts nicht klassifiziert |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), veraltet: Medikamentinduzierter Kopfschmerz) ist eine sekundäre Kopfschmerzerkrankung. Der Kopfschmerz tritt bei Menschen mit einer anderen vorbestehenden Kopfschmerzerkrankung (insbesondere einer Migräne oder einem Spannungskopfschmerz) auf, wenn diese über mehrere Monate hinweg sehr häufig mit Schmerzmitteln behandelt wird. Die Behandlung des ursprünglichen Kopfschmerzes wird dabei selbst zur Ursache des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch. Hinsichtlich der Symptomatik ähnelt der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch den Beschwerden der zugrundeliegenden Kopfschmerzerkrankung. Der Entwicklung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch kann durch eine reduzierte Einnahmehäufigkeit akut-symptomatischer Therapien vorgebeugt werden. Die Kopfschmerzform kann durch verschiedene nicht-medikamentöse und medikamentöse Maßnahmen sowie durch einen Entzug behandelt werden.
Epidemiologie
Der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch ist recht häufig, die weltweite Prävalenz liegt bei 1–2 Prozent der Allgemeinbevölkerung.<ref>Espen Saxhaug Kristoffersen, Christofer Lundqvist: Medication-overuse headache: epidemiology, diagnosis and treatment. In: Therapeutic Advances in Drug Safety. Band 5, Nr. 2, 2014, S. 87–99, doi:10.1177/2042098614522683, PMID 25083264, PMC 4110872 (freier Volltext).</ref> Für Deutschland werden etwas geringere Prävalenzen (bis 0,9 Prozent) angegeben.<ref name="Porst2020">Michael Porst et al.: Migraine and tension-type headache in Germany. Prevalence and disease severity from the BURDEN 2020 Burden of Disease Study. In: PubMed. Band 5, Suppl 6, 2020, S. 2–24, doi:10.25646/6990.2, PMID 35146296.</ref> Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer.<ref>ME Bigal, AM Rapoport, FD Sheftell, SJ Tepper, RB Lipton: Transformed Migraine and Medication Overuse in a Tertiary Headache Centre — Clinical Characteristics and Treatment Outcomes. In: Cephalalgia. Band 24, Nr. 6, 2004, S. 483–490, doi:10.1111/j.1468-2982.2004.00691.x, PMID 15154858.</ref> Die Prävalenz für Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch ist bei Menschen mit bereits chronifizierten Kopfschmerzen stark erhöht.<ref name="Diener2016">Hans‐Christoph Diener, Dagny Holle, K. Solbach, Charly Gaul: Medication-overuse headache: risk factors, pathophysiology and management. In: Nature Reviews Neurology. Band 12, Nr. 10, 2016, S. 575–583, doi:10.1038/nrneurol.2016.124, PMID 27615418.</ref> Bei den meisten Betroffenen besteht eine Migräne (ca. 80 %) oder ein Spannungskopfschmerz.<ref name="Diener2016" /> Andere primäre Kopfschmerzerkrankungen liegen selten zugrunde.<ref name="Diener2016" /> Zu den weiteren Risikofaktoren gehören das Rauchen, ein regelmäßiger Gebrauch von Beruhigungsmitteln, ein Mangel an körperlicher Aktivität, das Vorliegen eines metabolischen Syndroms sowie psychiatrische Komorbiditäten (z. B. Angststörungen, Depression).<ref>Knut Hagen, Mattias Linde, Timothy J. Steiner, Lars Jacob Stovner, John‐Anker Zwart: Risk factors for medication-overuse headache: An 11-year follow-up study. The Nord-Trøndelag Health Studies. In: Pain. Band 153, Nr. 1, 2011, S. 56–61, doi:10.1016/j.pain.2011.08.018, PMID 22018971.</ref>
Ursachen
Man geht davon aus, dass die primäre Kopfschmerzerkrankung mit spezifischen Veränderungen im Gehirn einhergeht, die die Entwicklung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch ermöglichen. Dies scheint insbesondere bei der Migräne der Fall zu sein, während bspw. der Clusterkopfschmerz (ohne begleitende Migräne) nicht mit dem Risiko einhergeht, einen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch zu entwickeln. Auch entwickelt sich ein solcher Kopfschmerz nicht bei Menschen, die Wirkstoffe gegen Kopfschmerzen aufgrund anderer Schmerzen einnehmen.<ref name="Diener2016" /> Als mögliche Mechanismen werden einerseits neurophysiologische Veränderungen wie eine erhöhte kortikale Erregbarkeit, Streudepolarisierung und Zentrale Sensitivierung oder aber Veränderungen auf der Ebene von Neuropeptiden (z. B. Serotonin, Calcitonin Gene-Related Peptide, Orexine) angeführt.<ref name="Gaul2016" details="S. 180.">Charly Gaul, Hans-Christoph Diener (Hrsg.): Kopfschmerzen. Pathophysiologie – Klinik – Diagnostik – Therapie. Thieme, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-13-200491-7. </ref>
Symptome
Die Art des Kopfschmerzes sowie dessen Begleiterscheinungen ähneln häufig jenen der primären Kopfschmerzerkrankung, d. h. ein Betroffener mit einer zugrundeliegenden Migräne hat im Rahmen des Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerzes meist auch migräneartige Beschwerden (etwa einseitige pochende Kopfschmerzen mit den typischen Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen oder Lichtempfindlichkeit).<ref name="Diener2016" /> Atypische Verläufe, bei denen sich der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch von jenem im Rahmen der Grunderkrankung unterscheidet, kommen vor.<ref name="Diener2016" /><ref name="Gaul2016" details="S. 179." /> Bis zu 30 Prozent der Betroffenen geben schmerzhafte Berührungsempfindungen im Bereich der Kopfhaut an.<ref name="Gaul2016" details="S. 179." />
Diagnose
Der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch wird gemäß den nachfolgenden Kriterien diagnostiziert. Dafür muss detailliert erhoben werden, welche Kopfschmerzen in welchen Häufigkeiten auftreten und welche Wirkstoffe oder Wirkstoffkombinationen wie oft eingenommen werden.
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Hinsichtlich des übermäßigen Gebrauchs wird unterschieden, welche Wirkstoffe/Wirkstoffkombinationen wie oft pro Monat eingenommen werden. Für Ergotamine, Triptane, Opioide und Kombinationspräparate liegt die Grenze bei mindestens 10 Tagen pro Monat, für Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen oder Paracetamol liegt die Grenze bei mindestens 15 Tagen pro Monat.<ref name="Diener2016" />
Behandlung
Das Auftreten dieser Kopfschmerzform kann durch eine Begrenzung der Einnahmetage akut symptomatischer Medikamente gegen Migräne und Spannungskopfschmerz reduziert werden. Nach Leitlinien-Empfehlung sollte dafür über den Zusammenhang zwischen Medikamenteneinnahme und Chronifizierung der Kopfschmerzen aufgeklärt werden. Eine Beratung/Schulung sind bei einem Teil der Betroffenen ausreichend, um das Therapieziel zu erreichen.<ref name="leitlinie2022">Hans-Christoph Diener, Peter Kropp (Hrsg.): S1-Leitlinie Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH) (= Deutsche Gesellschaft für Neurologie [Hrsg.]: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie). 2022 (dgn.org).</ref>
Weiterhin wird die nicht-medikamentöse (etwa Ausdauersport, Biofeedback etc.) und medikamentöse prophylaktische Behandlung der beiden Kopfschmerzformen empfohlen, um die Anzahl der Kopfschmerztage zu reduzieren. Für die medikamentöse Therapie wurde die Wirksamkeit von Topiramat, Onabotulinumtoxin A und monoklonalen Antikörpern gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (Eptinezumab, Galcanezumab, Fremanezumab) bzw. dessen Rezeptor (Erenumab) insbesondere bei der chronischen Migräne nachgewiesen.<ref name="leitlinie2022" />
In Kombination mit einer prophylaktischen Therapie (oder auch ohne eine solche) ist bei unzureichendem therapeutischen Ansprechen eine Pause der akutsymptomatischen Wirkstoffeinnahme indiziert. Dies kann ein teilstationäres oder stationäres Behandlungskonzept erfordern, da Entzugssymptome auftreten können. Sollte ein Kopfschmerz aufgrund eines Übergebrauchts von Opioiden vorliegen, ist eine stationäre Entzugsbehandlung sinnvoll.<ref name="leitlinie2022" />
Insbesondere bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko wird eine regelmäßige Nachbetreuung empfohlen.<ref name="leitlinie2022" />
Geschichte
Kopfschmerzen infolge häufiger Medikamenteneinnahmen wurde 1951 erstmalig im Zusammenhang mit Ergotamin beschrieben,<ref>G. A. Peters, B. T. Horton: Headache: with special reference to the excessive use of ergotamine preparations and withdrawal effects. In: Proc Staff Meet Mayo Clin. Band 26, Nr. 9, 1951, S. 153–61, PMID 14827944.</ref> einem heute in der Kopfschmerztherapie praktisch nicht mehr verwendetem Arzneistoff. In den 1980er Jahren wurde dies auch bei Kombinationsanalgetika beschrieben und 1988 wurde die Erkrankung als {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) (Medikamenteninduzierter Kopfschmerz) beschrieben. Seit der zweiten Revision der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-2) wird die Erkrankung als {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) (Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch) beschrieben. Das zwischenzeitliche Kriterium, dass für die Diagnosestellung eine Besserung nach Absetzen der Medikation notwendig ist, wurde mittlerweile aus der Klassifikation gestrichen.<ref name="Diener2016" />
Literatur
- Charly Gaul, Hans-Christoph Diener (Hrsg.): Kopfschmerzen. Pathophysiologie – Klinik – Diagnostik – Therapie. Thieme, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-13-200491-7, S. 177–183.
- Hans‐Christoph Diener, Dagny Holle, K. Solbach, Charly Gaul: Medication-overuse headache: risk factors, pathophysiology and management. In: Nature Reviews Neurology. Band 12, Nr. 10, 2016, S. 575–583, doi:10.1038/nrneurol.2016.124, PMID 27615418.
- Hans-Christoph Diener, Peter Kropp (Hrsg.): S1-Leitlinie Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH) (= Deutsche Gesellschaft für Neurologie [Hrsg.]: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie). 2022 (dgn.org).
Weblinks
- Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3): 8.2 Medication-overuse headache (MOH)
Einzelnachweise
<references />