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St. Paul (Esslingen am Neckar)

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Das Münster St. Paul von Osten

Das katholische Münster St. Paul in Esslingen am Neckar ist ein frühgotischer Sakralbau aus dem 13. Jahrhundert. Die Kirche des ehemaligen Dominikanerklosters gilt als älteste erhaltene Bettelordenskirche Deutschlands. Sie steht am westlichen Rand des Marktplatzes und gehört zusammen mit der evangelischen Stadtkirche St. Dionys und der am Hang liegenden Frauenkirche zu den prägenden Kirchengebäuden der Innenstadt.

Geschichte

Die Dominikaner waren seit 1221 vor dem Mettinger Tor ansässig. Esslingen ist damit die erste Niederlassung des Ordens auf deutschem Boden. 1230 erhielt der Orden einen Bauplatz für Kirche und Kloster innerhalb der Mauern. Beide entstanden anstelle älterer Gebäude auf einer zuvor eigens künstlich aufplanierten Fläche in mehreren Bauabschnitten. Der Grundstein zur Kirche wurde 1233 gelegt, zugleich mit dem Grundstein des Dominikanerklosters. Der eigentliche Bau begann aber erst 1255. Im April 1268 weihte der bedeutende Dominikanertheologe Albertus Magnus die Kirche. Die dreischiffige Säulenbasilika wurde damit die erste gewölbte Dominikanerkirche in Deutschland.

1285 erteilte König Rudolf von Habsburg den Mönchen die Erlaubnis zur Erweiterung des Klosters (nach Süden), aber erst 1291 übergab die Bürgerschaft dem Konvent Schwörhaus, Schwörhof und das sog. Ritterhaus in der Südostecke. Das Münster St. Paul ist die älteste erhaltene Dominikanerkirche und einer der frühesten rein gotischen Sakralbauten in Deutschland. Ihre Architektur strahlte auf die Stadtpfarrkirche und andere Kirchen der Region (Stadtpfarrkirche Markgröningen), aber auch darüber hinaus auf andere Dominikanerkirchen in Deutschland (u. a. Erfurt) aus. Mit ihren schlichten Bauformen, dem Verzicht auf einen Kirchturm sowie dem urspr. flachgedeckten Mittelschiff ist die Kirche typisch für die Bettelorden.

In den ersten Jahrhunderten diente die Kirche auch als Begräbnisstätte. Das älteste erhaltene Ausstattungsstück ist die Grabplatte des Augsburger Weihbischofs Johannes Haiterbach, der 1447 in Esslingen starb. Die Platte ist aus rotem Marmor gearbeitet.

Eine Erneuerung der Kirche mit Einwölbung des Schiffs erfolgte 1483–87 durch einen Meister Claus. Nach der Reformation und der Auflösung des Konvents 1531 blieb sie vorerst ungenutzt, erst 1664 Pfarrkirche. 1552 wurde der Dachreiters durch Blitzschlag zerstört.

Nach 1804 erfolgt eine Profanierung und Nutzung als Fouragemagazin, Lagerhalle, Kelter, Waag- und Zollhaus. 1828 und 1832 Veranstaltungsort der „Schwäbischen Sängerfeste“. Einbruch einer Toreinfahrt in die nordöstliche Chorwand. 1830 wurde der steile Dachstuhl des Mittelschiffs unter Teilverwendung der alten Hölzer durch das heutige, flacher geneigte Dach ersetzt. 1861–64 Renovierung als kath. Pfarrkirche durch Johannes de Pay und Regierungsbaurat Herzog. Dabei erhielt die Kirche ihren heutigen Dachreiter. 1964 erneute Renovierung und Ausräumung der neugotischen Einrichtung. Der Außenanstrich mit weißer Fugenmalerei nach dem Befund der Fassung des 17. Jh. bei der letzten Außenrenovierung bis 1989. 1992–94 Neugestaltung des Innenraums mit Altar, Ambo und Taufstein von Ulrich Rückriem. – Dreischiffige Basilika mit 13 Jochen, dreijochigem Chor mit 5/8-Schluss, Lettner mit Tribüne urspr. beim 7. Joch. Zweibahnige Chorfenster als leichte Hufeisenspitzbögen ausgebildet. Sakristei auf der Südseite mit Kreuzrippengewölben und Gruppen von Lanzettfenstern aus dem 13. Jh., die Strebepfeiler aus dem 15. Jh. Zwei Lanzettfenstergruppen im 8. und 9. Joch des südlichen Seitenschiffs (Taufkapelle) deuten auf gesonderten Kapellenbereich innerhalb der Kirche hin. Mittelschiff durch strenge Reihung der schlichten Rundpfeiler mit einfachen Kelchkapitellen bestimmt. Der Raum wirkte einst weniger gedrungen, da das Fußbodenniveau im 13. Jh. etwa 50 cm tiefer lag. Fein abgestufte Hierarchisierung des Kirchenraums durch Gewölbeansätze, im Schiff mit Konsolen, im Mönchschor kurze Runddienste, die in der Apsis bis auf den Boden herabgezogen sind und diese somit als vornehmsten Bereich ausweisen. In der Südostwand des Chors eine zweiteilige Piscina. Die älteren Kreuzrippengewölbe mit einfachen, kreisförmigen Schlusssteinen, die jüngeren aus dem 15. Jh. mit Reliefschilden (u. a. Kirchenpatron Paulus und Maria, aber auch Wappen Esslinger Stifter). Der große Ringschlussstein mit Engeln im 6. Joch bezeichnet die Stelle des alten Dachreiters. Von der Ausstattung u. a. bemerkenswert die Grabplatte aus bayerischem Rotmarmor für den Augsburger Weihbischof und Dominikanertheologen Johannes Haiterbach (1447) an der südlichen Seitenschiffswand. Die Mondsichelmadonna aus der Werkstatt Nikolaus Weckmanns (urspr. Teil des Epitaphs für Hans Böblinger d. Ä. in der Frauenkirche, 1860 an St. Paul geschenkt). Kreuzwegstationen von Ferdinand Stufleser 1889–93 als Überbleibsel der neugotischen Ausstattung. Das frühbarocke Hochaltarretabel von 1667 heute in der Stadtpfarrkirche. Das zweitürige Hauptportal auf der Nordseite mit Vorhalle 1861/63 weitgehend nach Befund rekonstruiert, ebenso das Portal auf der Westseite. – Die Konventsbauten fielen mit der Reformation 1531 an das Spital. Die Stadt unterhielt hier 1590–1808 ihr Waisen- und seit 1739/41 ein Zucht- und Arbeitshaus. 1818 Einrichtung von Klassenzimmern für die Deutsche Schule. Mehrfach Umbauten von Ost- und Südflügel im 19. und 20. Jh. Urspr. vierflügelige, zweigeschossige Klausur an der Südseite der Kirche. Ostflügel (Marktplatz 9) in seinem südlichen Abschnitt noch aus vorklösterlicher Zeit um 1233 (d). Vermutlich handelt es sich um das sog. Ritterhaus, noch mehrmals im 14. Jh. erwähnt, vor der Schenkung an die Dominikaner, urspr. Funktion unbekannt, vielleicht eine Art erstes Esslinger Rathaus. Zugehörend Ritterturm, der sich als Steinbau im Südteil des Gebäudes erhalten hat. Im OG des Ostflügels vermutl. das Dormitorium – Verbindung zum Mönchschor der Kirche – teilweise im 19. Jh. in Fachwerk neu aufgeführt. Im Südflügel (zu Marktplatz 9) eine Reihe gotischer Zwillingsfenster mit Vierpässen, die wohl zum Refektorium gehörten. Der Westflügel (sog. Konviktbau, Beblingerstraße 1) im Kern wohl noch mittelalterlich. 1811 wurde hier das ev. Schullehrerseminar eingerichtet, die erste pädagogische Hochschule dieser Art in Württemberg. 1850 Erhöhung um das Fachwerk-OG. Im Westflügel Reste einer zweiphasigen Fußbodenheizung des 13. und 14. Jh. erhalten, die evtl. zur Erwärmung eines Kalefaktoriums diente. Der Nordflügel (sog. Orgelbau, Beblingerstraße 1/1) war Teil des Kreuzganges aus dem 13. Jh. (vermauerte Arkaden). In der 2. Hälfte des 15. Jh. aufgestockt und in der 1. Hälfte des 19. Jh. für das Lehrerseminar umgebaut. Restauratorische Untersuchungen weisen auf eine reiche mittelalterliche Fassadenbemalung (Quader mit Rankenwerk) hin. Der sog. Brückenbau (Marktplatz 11) verbindet den Ostflügel mit dem Schwörhaus. Im Kern mittelalterlich, Fachwerk des 18. Jh. im OG zur Nordseite.<ref> Im 19. Jh. als Teil der Schule ausgebaut. Letzter noch in umfangreichem Bestand erhaltener Bettelordenskomplex in Esslingen.</ref>

Die Kirche wurde während des Bildersturms im 16. Jahrhundert ihres übrigen Schmucks großenteils beraubt; 1532 gaben die Dominikaner Kloster und Kirche auf. Bis 1802 wurde diese dann für evangelische Gottesdienste genutzt, danach diente sie als Futtermagazin, Lagerraum, Kelter und Waaghaus. Von 1827 bis 1832 wurden in dem Gebäude die Esslinger Liederfeste unter Karl Pfaff abgehalten. Im Jahr 1861 kaufte die katholische Kirchengemeinde in Esslingen das Münster für 15.000 Gulden. In der Zeit bis zur neuerlichen Weihe 1864 wurde das Pfarrhaus in der Augustinerstraße 5 errichtet. Das an die Kirche anschließende Klostergebäude wurde seit den Tagen der Reformation als Waisenhaus und Schule genutzt und beherbergt heute die Waisenhofschule.

Bauwerk

Ursprünglich war die Nordseite der schlicht gehaltenen Kirche als Schaufassade angelegt worden, an der sich auch – im sechsten Joch – das Hauptportal befand. Es war einer wichtigen Straße, die auf das Mettinger Tor zuführte, zugewandt. Durch die Umgestaltung der Umgebung im 20. Jahrhundert hat die Lage der Kirche an Attraktivität verloren. Der Haupteingang befindet sich nun auf der Westseite, die einst nur zehn Meter von der Stadtmauer entfernt war. Statt eines Turmes trägt das Münster St. Paul nur einen Dachreiter. Chor und Langhaus sind nicht voneinander abgesetzt, es gibt kein Querhaus. Mit einer 1664 erfolgten Überarbeitung der Außenfassung der Kirche wurde eine weiße Fugenzeichnung zwischen den Sandsteinquadern angelegt. Diese wurde bei einer Restaurierung im Jahr 1994 wieder hergestellt.

Ausstattung

Die Fenster des östlichen Seitenschiffs aus dem Jahr 1934 stammen von Adolf Saile. Die farbigen Glasfenster im polygonalen Chor mit Motiven aus den Paulusbriefen und das Fenster über der Orgelempore wurden 1961 von Wilhelm Geyer gestaltet. Sie zeigen in kleinen Medaillonbildern Szenen des Alten Bundes und auf größeren Flächen die Erfüllung im Neuen Bund. Die fünf Chorfenster wurden am Palmsonntag 1962 der Öffentlichkeit vorgestellt, waren jedoch anfangs nicht unumstritten. Die gelbgrünen Töne wurden von Walter Supper, dem damaligen Hauptkonservator der Denkmalpflege, gar als „pervers-infernale Farbe“ kritisiert und mussten nachträglich durch Übermalung gemildert werden.<ref>Arbeitskreis Kirche und Kunst (Hrsg.): Die Paulusfenster im Münster St. Paul Esslingen. 1961 von Wilhelm Geyer geschaffen. Esslingen 2008, S. 6.</ref> Weitere Fenster wurden 1995 von Emil Kiess und 2003 von Johannes Schreiter gestaltet.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Frühgotisches Münster St. Paul Esslingen: Älteste gewölbte Bettelordenskirche (Memento vom 28. Juni 2013 im Internet Archive)</ref>

Ulrich Rückriem schuf 1994 Ambo, Altar und Taufstein sowie eine Stele, auf der eine Pietà von Johannes Retzbach ihren Platz fand.

Seit 1927 wird alljährlich eine Weihnachtskrippe von Sebastian Osterrieder im Münster St. Paul aufgestellt.

Orgel

Die Orgel wurde 1966 von der Orgelbaufirma Rieger (Schwarzach, Vorarlberg) erbaut und 1994 renoviert. Das Instrument hat 41 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.<ref>Informationen zur Orgel von St. Paul</ref>

I Rückpositiv C–g3
Salicional 8′
Rohrflöte 8′
Principal 4′
Koppelflöte 4′
Sesquialter II 223
Gemshorn 2′
Quinte 113
Scharff IV 1′
Schalmei 4′
Krummhorn 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–g3
Pommer 16′
Principal 8′
Holzflöte 8′
Octave 4′
Quinte 223
Superoctave 2′
Mixtur IV-VI 113
Cornett VI 8′
Trompete 16′
Trompete 8′
Tremulant
III Brustwerk C–g3
Holzgedackt 8′
Quintade 8′
Rohrflöte 4′
Principal 2′
Nachthorn 2′
Terz 135
Octave 1′
Zimbel III 13
Dulcian 16′
Vox Humana 8′
Tremulant
Pedal C–f1
Principalbass 16′
Subbass 16′
Quintbass 1023
Octave 8′
Subbass 8′
Zink III 513
Rohrpfeife 4′
Choralbass V 4'
Posaune 16′
Trompete 8′
Trompete 4′

Seit 1985 ist Felix Muntwiler Kirchenmusiker der St.-Pauls-Gemeinde. Er leitet unter anderem den Münsterchor St. Paul.

Galerie

Literatur

  • 700 Jahre St.-Paulskirche Esslingen. Festschrift zum 700jährigen Weihejubiläum der St. Paulskirche. Hrsg. v. der Kath. Kirchengemeinde St. Paul Esslingen. Esslingen, 2. erw. Aufl., 1989.
  • Robert Uhland: Die Esslinger Klöster im Mittelalter. In: Esslinger Studien 8 (1961), S. 7–42.
  • Falk Jaeger: Das Dominikanerkloster in Esslingen. Baumonographie von Kirche und Kloster. Diss. Hannover 1993, (Esslinger Studien 13) Sigmaringen 1994.

Einzelnachweise

<references />

Weblinks

Koordinaten: 48° 44′ 34,5″ N, 9° 18′ 19,4″ O

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