Zum Inhalt springen

Jón Gnarr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Jon-gnarr-2011-ffm-098.jpg
Jón Gnarr, 2011

Jón Gnarr (* 2. Januar 1967 in Reykjavík als Jón Gunnar Kristinsson) ist ein isländischer Komiker, Musiker, Schriftsteller und Politiker. Von Juni 2010 bis Juni 2014 war er Bürgermeister seiner Heimatstadt. Er kandidierte in der Präsidentschaftswahl in Island 2024. Wahlsiegerin war Halla Tómasdóttir, während Jón Gnarr den vierten Platz erreichte. Bei der Parlamentswahl 2024 wurde er als Vertreter der Partei Viðreisn ins isländische Parlament Althing gewählt.

Leben

Jón Gnarr – jüngster ehelicher Sohn eines Polizeibeamten (* 1917) und einer Arbeiterin (* 1922; † 25. Dezember 2010) – verließ im Alter von vierzehn Jahren ohne Abschluss eine Reykjavíker Schule, die kein herkömmliches Klassensystem und keine Noten kannte. Seit dieser Zeit nennt er sich Jón Gnarr.<ref>Jón Gnarr: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Klett-Cotta, Stuttgart 2014, S. 23–25 und 131–132.</ref> Er besuchte dann für zwei Jahre ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche. Nach diversen Gelegenheitsjobs arbeitete er zunächst als Pfleger in einem Heim für geistig und körperlich Behinderte. Mit neunzehn Jahren schrieb er den Roman Miðnætursólborgin („Die Stadt der Mitternachtssonne“).

Jón ist mit der Masseurin Jóhanna Jóhannsdóttir (Jóga), Tochter eines Seemannes, verheiratet. Das Ehepaar hat fünf Kinder: das älteste Kind wurde 1985 und das jüngste 2005 geboren.<ref>Jón Gnarr: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Klett-Cotta, Stuttgart 2014, S. 114–117 und 124.</ref> Im Jahr 2006 schrieb Jón Gnarr eine fiktive Autobiografie mit dem Titel Indjáninn („Der Indianer“), die er 2012 mit Sjóræninginn („Der Seeräuber“) fortsetzte.

Seine Karriere als Komiker begann Jón Gnarr Anfang der 1990er Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Ríkisútvarpið mit der Radio-Sitcom Hotel Volkswagen. Später arbeitete er für einen privaten Sender, für den er morgendliche „Interviews“ führte, und trat in Hörfunk, Fernsehen und in Spielfilmen auf. Neben der Sketch-Show Fóstbræður (1997–2001) wurde er vor allem durch seine Rolle als Georg Bjarnfreðarson in den drei Serien Næturvaktin (2007), Dagvaktin (2008) und Fangavaktin (2009) bekannt. Jón Gnarr war laut Munzinger-Archiv Bassist der Punkrockband Nefrennsli („laufende Nasen“)<ref>Jón Gnarr im Munzinger-Archiv, abgerufen am 23. Juni 2014 (Artikelanfang frei abrufbar)</ref> und wirkte in mehreren Filmen, Sitcoms und Talkshows mit. Ferner veröffentlicht er Prosa und Lyrik.

Im Jahr 2009 – während der isländischen Finanzkrise – arbeitete Jón Gnarr in einer Werbeagentur als Creative Director. Nachdem er sich von dieser Agentur getrennt hatte, konzentrierte er seine Arbeit auf die Politik.<ref>Jón Gnarr: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Klett-Cotta, Stuttgart 2014, S. 49.</ref> Bei der Kommunalwahl in Reykjavík am 29. Mai 2010 erzielte Jóns Partei Besti flokkurinn („die beste Partei“) mit 34,7 % die meisten Stimmen.<ref>Henryk Broder: Politclown siegt bei Kommunalwahl. In: SpOn, 30. Mai 2010.</ref> Nach dem Wahlsieg übernahm Jón am 15. Juni 2010 von der bisherigen Bürgermeisterin Hanna Birna Kristjánsdóttir das Amt des Bürgermeisters.<ref>dpa: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Spaßpartei stellt Bürgermeister. (Memento vom 27. Dezember 2013 im Internet Archive). In: Frankfurter Rundschau, 5. Juni 2010.</ref> Auf der Liste der Partei kandidierten Musiker, Schauspieler, Comic-Zeichner und weitere Prominente.<ref>Hannes Gamillscheg: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ein Clown macht Ernst. (Memento vom 17. Dezember 2014 im Internet Archive). In: Frankfurter Rundschau, 26. Mai 2010.</ref> Zum Wahlprogramm gehörten unter anderem folgende Punkte:<ref>Thomas Borchert und Hallgrimur Indridasson: @1@2Vorlage:Toter Link/www.wz-newsline.deReykjaviks Bürgermeister: Wir brauchen Eisbären! (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im September 2025. Suche im Internet Archive ) In: Westdeutsche Zeitung, 6. Juni 2010.</ref>

  • Offene statt heimliche Korruption.
  • Kostenlose Handtücher für alle Schwimmbäder.
  • Ein Eisbär für Reykjavíks Zoo.
  • Ein drogenfreies Parlament bis 2020.<ref name="C.Seibt" />
  • Gratis-Bustickets. (Mit dem Zusatz: «Wir können mehr versprechen als alle anderen Parteien, weil wir jedes Wahlversprechen brechen werden.»)<ref name="C.Seibt">Constantin Seibt: Mehr Punk, weniger Hölle! In: Tages-Anzeiger, 30. Mai 2014.</ref>

Auf nationaler Ebene war Jón Gnarr Mitglied im Vorstand der 2012 gegründeten Partei Björt framtíð,<ref name="bf-stjorn">Stjórnin. Björt framtíð, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 25. April 2013; abgerufen am 15. April 2013 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> die in enger Verbindung mit Besti flokkurinn stand. Im Oktober 2013 gab Jón Gnarr bekannt, dass er keine zweite Amtszeit als Bürgermeister von Reykjavík anstreben wird.<ref>Örlygur Hnefill: Jón Gnarr: “I am not a politician, I am a comedian.” In: goiceland.is. 30. Oktober 2013, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 1. November 2013; abgerufen am 26. Dezember 2013 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Seine Amtszeit endete am 17. Juni 2014. Jóns Nachfolger wurde sein bisheriger Koalitionspartner Dagur B. Eggertsson von der sozialdemokratischen Allianz (Samfylkingin). Dagur äußerte anlässlich der Amtsübergabe, „die ganze Gesellschaft“ habe von Jón Gnarr gelernt.<ref>Kjartan Atli Kjartansson: Dagur segir allt samfélagið hafa lært af Jóni Gnarr. In: Vísir. 16. Juni 2014, abgerufen am 19. Juni 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Während der Amtszeit von Jón Gnarr wurde die Online-Plattform Betri Reykjavík (Besseres Reykjavík) als eine Möglichkeit direkter Demokratie etabliert.<ref>Julia Wäschebach: Reykjaviks Bürgermeister, der Clown Jón Gnarr, gibt sein Amt nach vier Jahren auf. „Leben ist wie ein Freizeitpark.“ Interview mit Jón Gnarr. In: Weser Kurier, 30. Mai 2014, S. 6.</ref>

Ende April 2024 wurde Jón Gnarr offiziell als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl in Island 2024 bestätigt.<ref>Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Forsetakosningar: Ellefu í framboði en tvö framboð úrskurðuð ógild.] In: ruv.is. Ríkisútvarpið, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 30. April 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Als einer von zwölf Kandidaten erreichte er bei der Wahl den vierten Platz, nach der Wahlsiegerin Halla Tómasdóttir, Katrín Jakobsdóttir und Halla Hrund Logadóttir.<ref>Fréttastofa RÚV: Kosningavakan: Halla Tómasdóttir verður forseti Íslands - RÚV.is. 1. Juni 2024, abgerufen am 2. Juni 2024.</ref>

Bei der Parlamentswahl 2024 wurde er im Wahlkreis Reykjavík Süd für die liberale Partei Viðreisn ins isländische Parlament Althing gewählt.<ref>Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Hverjir eru nýju þingmennirnir?] In: ruv.is. Ríkisútvarpið, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 22. Dezember 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Zwischenzeitlich hatte er der sozialdemokratischen Allianz angehört und war für diese zu Parlamentswahlen angetreten. Seinen Wechsel zu Viðreisn begründete er mit seiner anarchistischen und libertären Haltung mit einer starken Betonung der individuellen Freiheit, wodurch er sich von den Sozialdemokraten unterscheide.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Jón Gnarr joining the Liberal Reform Party: "I'm a great anarchist and a libertarian".] In: Iceland Monitor. Morgunblaðið, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 26. Dezember 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>

Jón Gnarr trat von der isländischen Staatskirche zur katholischen Kirche<ref>Henryk M. Broder: Umfragevorsprung für Spaßpartei: Reykjavik erwartet den Staats-Streich. In: SpOn. 28. Mai 2010, abgerufen am 23. Juni 2014.</ref> über, bezeichnet sich aber als Atheisten<ref>Facebook-Eintrag vom 10. April 2014 </ref> und Anarchisten.<ref name="Die_Prsse_26.3.2011">Peter Martens und Georg Renner: Jón Gnarr: „Ich war und bin noch immer Anarchist.“ In: Die Presse, 26. März 2011, Interview mit Jón Gnarr.</ref>

Veröffentlichungen

Isländische Sprache

  • Miðnætursólborgin. Smekkleysa, Reykjavík 1989.
  • Plebbabókin. Mál og menning, Reykjavík 2002, ISBN 9979-3-2373-6.
  • Þankagangur. Skálholtsútgáfan, Reykjavík 2005, ISBN 9979-792-06-X.
  • Indjáninn. Skálduð ævisaga. Mál og menning, Reykjavík 2006, ISBN 9979-3-2792-8.
    • Deutsche Ausgabe: Indianer und Pirat. (Aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl.) Klett-Cotta, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-50141-4.
  • Sjóræninginn. Skálduð ævisaga. Mál og menning, Reykjavík 2012, ISBN 978-9979-3-3320-3.

Deutsche Sprache

  • Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte. Mitarbeit: Jóhann Ævar Grímsson. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-608-50322-7.
  • Indianer und Pirat: Kindheit eines begabten Störenfrieds. Aus dem Isländischen von Betty Wahl und Tina Flecken. Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2015, ISBN 978-360-8501414.
  • Der Outlaw: Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2017. ISBN 978-3608501537.

Film

Weblinks

Commons: Jón Gnarr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

VorgängerAmtNachfolger
Hanna Birna KristjánsdóttirBürgermeister von Reykjavík
2010–2014
Dagur B. Eggertsson

Vorlage:Hinweisbaustein

Vorlage:Hinweisbaustein