Kriminalfall Julia Kührer
Der Kriminalfall Julia Kührer begann mit dem plötzlichen Verschwinden der 16-jährigen Julia Kührer (* 29. Mai 1990; † 2006) aus Pulkau (Niederösterreich) im Juni 2006. Die daraufhin beginnende Suche blieb erfolglos. Am 30. Juni 2011 wurde ihr Skelett in einem Keller in Dietmannsdorf (Gemeinde Zellerndorf), unweit von Kührers Heimatort, gefunden.<ref>Vermisste Julia Kührer tot. Wiener Zeitung vom 1. Juli 2011.</ref>
Chronologie
Verschwinden
Julia Kührer verschwand am 27. Juni 2006 spurlos. Sie wurde zuletzt gegen 13.30 Uhr an diesem Dienstag beim Verlassen eines Busses gesehen. Danach soll sie sich mit drei jungen Leuten unterhalten haben, die aus einem silbernen Auto stiegen.<ref>news.at Bundeskriminalamt hofft auf neue Hinweise</ref> Ihr Handy wurde zuletzt in der 20 Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Horn geortet, wo sie die Schule besuchte. Die Polizei geht davon aus, dass sie es dort verlor.<ref>DerStandard.at Verdächtiger sagt Widersprüchliches</ref>
Am Wochenende davor hatte Kührer mit zwei Freundinnen das Donauinselfest und am selben Abend eine Motocross-Veranstaltung im nahegelegenen Ort Schrattenthal besucht. Da sie laut Aussagen kein Motorrad-Fan gewesen sein soll und dorthin keine Freunde mitnahm, mutmaßten die Ermittlungsbehörden, dass Kührer jemanden auf dem Donauinselfest kennengelernt haben könnte, mit dem sie sich bei der Motocross-Veranstaltung traf.<ref>vienna.at Julia Kührer war am Donauinselfest</ref>
Suche
Die Suche nach Kührer gestaltete sich äußerst schwierig, da die Ermittler kaum Anhaltspunkte fanden. In der Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung startete ein größeres Medienecho; in vielen Orten Niederösterreichs und in Wien wurden Flugblätter ausgehängt. Dennoch tappte die Polizei jahrelang im Dunkeln. Erst 2010 führten erste Hinweise in die Drogenszene, nachdem die Behörden mit der Stadt Pulkau in einer gemeinsamen Aktion die Jugendlichen des Ortes in die Ermittlungen einbezogen hatten.<ref>Verhaftetes Trio steht unter Mordverdacht, Krone.at vom 10. Mai 2012</ref>
Am 10. Mai 2010 kam es im Bezirk Horn zur Festnahme einer 27-jährigen Frau, ihres 21-jährigen Bruders und des 26-jährigen Ex-Freundes. Zentrale Bedeutung maß die Anklagebehörde einem Telefonat bei, das der Ex-Partner am 1. Mai 2010 mit der Frau führte und das auf Basis einer gerichtlich bewilligten Rufdatenüberwachung von der Sonderermittlergruppe „Zielfahndung Vermisste“ abgehört wurde. Die Ermittler interpretierten den Inhalt des Telefonats als Indiz dafür, dass die drei Festgenommenen Kenntnisse über Julias Verschwinden haben mussten. So hatte 26-Jährige die Sorge, dass ein von den Ermittlungsbehörden verhörter Ex-Freund Kührers „alle verpfiffen“ habe. Auch die Ergebnisse einer Rufdatenerfassung machten die Ermittler stutzig. Demnach war Julia Kührer mit ihrem Mobiltelefon etwa 45 Minuten, nachdem sie zum letzten Mal am Hauptplatz in Pulkau gesehen wurde, in unmittelbarer Nähe zum Wohnsitz der Großeltern des 26-Jährigen eingeloggt. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte es sich bei den drei Personen vermutlich um jene, mit denen sich Kührer kurz vor ihrem Verschwinden unterhalten hatte. Weiter wurde gemutmaßt, Kührer könne durch eine von ihnen verabreichte Überdosis Drogen ums Leben gekommen und ihre Leiche von den dreien versteckt worden sein.<ref>Verhaftetes Trio steht unter Mordverdacht, Krone.at vom 10. Mai 2012</ref>
Die Festnahme durch das Einsatzkommando Cobra am frühen Morgen wurde später vom Oberlandesgericht Wien für rechtswidrig erklärt. Rechtsanwalt Johannes Öhlböck, der den 26-Jährigen vertrat, sprach von unangemessener Gewaltanwendung. So wurde die Türe, die der 26-Jährige gerade öffnen wollte, gewaltsam aufgebrochen und der Verdächtige sofort niedergetreten, obwohl er bereits mit erhobenen Händen dagestanden haben soll. Sein Schäferhundmischling wurde von den Beamten mit 18 Schüssen aus drei Dienstwaffen getötet. Bei den drei Festgenommenen wurden synthetische Drogen, darunter K.-o.-Tropfen, und eine Gaspistole sichergestellt. Allen dreien konnte trotz Zeugenaussagen, die die Verhafteten zusammen mit Kührer gesehen haben wollen, keine direkte Verbindung zum Fall nachgewiesen werden, weshalb sie wieder freigelassen wurden.<ref>ORF.at Für den Richter war die Suppe zu dünn</ref><ref>news.at Festnahmen im Vermisstenfall Kührer</ref> Die Ermittlungen führten allerdings mittelbar zur Zerschlagung eines Netzwerks, das Drogen aus Tschechien nach Österreich geschmuggelt hatte.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20160527101143
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}}, heute.at vom 14. Dezember 2010</ref>
Fund
Am Abend des 30. Juni 2011 betraten zwei Passanten ein Grundstück von Michael K., die angaben, dort einen verloren gegangenen Ball gesucht zu haben.<ref name=presse1>diepresse.com Skelettteile identifiziert: Vermisste Julia Kührer ist tot</ref><ref name=oe1>oe24.at Julia Kührer tot im Keller entdeckt</ref> Während des laufenden Prozesses gaben die Passanten jedoch an, das Gelände bewusst nach Kührer abgesucht zu haben.<ref>noe.orf.at Fall Kührer: Zeuge zu Skelettfund</ref> Im Erdkeller des Geländes fanden sie Knochen, woraufhin sie die Polizei alarmierten. Am Tag darauf wurden die Knochen als Julias sterbliche Überreste identifiziert.<ref name=presse1></ref> Am 2. Juli wurde ihr gesamtes Skelett gefunden,<ref>derstandard.at Verdächtiger leugnet Zusammenhang mit Tat</ref> außerdem Kleidungsreste und ein teilweise verbranntes Englisch-Lexikon<ref>Krone.at Verdächtiger weist weiterhin jede Schuld von sich</ref><ref name=oe1></ref> sowie Tage darauf Reste einer teilweise verbrannten Decke.<ref>diepresse.com Blaue Decke als neue Spur</ref> Eine Autopsie der sterblichen Überreste ergab, dass Kührer bereits zum Zeitpunkt ihres Verschwindens im Jahr 2006 starb. Der Fundort war nicht der Tatort. Ein Tod durch Fremdeinwirkung konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden, der Gerichtsmediziner ging jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus.<ref>Julia Kührer: Wahrscheinlich Mord, oe24.at vom 8. Februar 2012</ref> Nach über einem halben Jahr forensischer Untersuchungen wurden Julias sterbliche Überreste im Februar 2012 beigesetzt.
Nach dem Fund nahm die Polizei den Grundstücksbesitzer Michael K. in Gewahrsam. Er war 2006 direkt nach dem Verschwinden Kührers nach Wien gezogen. Er hatte zuvor in Pulkau eine Videothek betrieben, die als Treffpunkt für Jugendliche galt und in der Nähe von Kührers elterlicher Wohnung lag. Dem damals 50-Jährigen wurde Interesse an jungen Frauen nachgesagt. Einige Indizien wie der Besitz eines silbernen PKW schienen auf K. zuzutreffen. Er bestritt sämtliche Vorwürfe, er habe Kührer nur „vom Sehen“ gekannt. Er vermutete, einer seiner Feinde könnte die Leiche auf seinem Grundstück abgelegt haben.<ref>diepresse.com Verdächtiger wieder frei</ref> Aus Mangel an handfesten Beweisen wurde Michael K. entlassen. Am 15. Juli legte die Staatsanwaltschaft Korneuburg eine Beschwerde gegen die Enthaftung von Michael K. wegen dringenden Tatverdachts ein. Das Oberlandesgericht (OLG) Wien lehnte die Beschwerde jedoch wegen mangelnder Beweise ab.<ref>ORF Fall Kührer: Beschwerde gegen Enthaftung</ref>
Die Ermittlungen wurden in der Folge weiter vorangetrieben, Michael K. blieb der Hauptverdächtige. Eine Überprüfung seines Autos auf DNS-Spuren des Opfers blieb erfolglos.<ref>Rückschlag für Polizei, news.at vom 11. April 2012</ref> Im April 2012 wurde bekannt, dass eine genaue Analyse der Decke, in die die Leiche Kührers eingewickelt war, eine vielversprechende Spur ergab: Es handelte sich demnach um ein seltenes Fabrikat, das von einer einzelnen Firma vertrieben wurde; von einer Überprüfung der Käufer versprach man sich neue Hinweise.<ref>Neue Spur bei Ermittlung, news.at vom 25. April 2012</ref> Einen Monat später wurde jedoch die Einstellung der Ermittlungen angekündigt.<ref>Kührer-Ermittlungen werden im Sommer eingestellt, Der Standard vom 9. Mai 2012</ref>
Im Dezember 2012 wurde Michael K. erneut verhaftet, nachdem auf der Decke seine DNS gefunden worden war.<ref>Verdächtiger erneut verhaftet Krone.at vom 6. Dezember 2012</ref> Der Prozessbeginn wurde für September 2013 festgelegt.
Verurteilung
Im September 2013 befand ein Geschworenengericht am Landesgericht Korneuburg Michael K. mit 7:1 Stimmen des Mordes an Julia Kührer schuldig und verurteilte ihn zu lebenslanger Haft.<ref>Michael Möseneder: Fall Kührer: Lebenslange Haft für Michael K. derstandard.at vom 26. September 2013, abgerufen am 28. April 2014.</ref> Am 7. März 2014 reduzierte das OLG Wien in der Berufung die Strafe auf 20 Jahre.<ref>Haftstrafe im Fall Kührer herabgesetzt. orf.at vom 7. März 2014, abgerufen am 28. April 2014.</ref>
Im Juli 2018 wurde der Antrag des Verurteilten auf Wiederaufnahme des Strafverfahrens durch das Landesgericht Korneuburg abgewiesen. Der Senat begründete seine Entscheidung damit, dass die behaupteten Wahrnehmungen von genannten Zeugen sich im Wesentlichen in eigenen Überlegungen und Spekulationen erschöpften und keine neuen Tatsachen oder Beweismittel darstellten, die auch in Verbindung mit früheren Beweisen geeignet seien, die Aufhebung der Verurteilung begründen zu können. Gegen diesen Beschluss hatte Michael K. das Rechtsmittel der Beschwerde erhoben, welcher am 19. März 2019 durch das OLG Wien keine Folge gegeben wurde.<ref>Fall Julia Kührer wird nicht neu aufgerollt</ref>
Einzelnachweise
<references />
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Archiv-URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Linktext
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Linktext fehlt
- Kriminalfall (Zweite Republik Österreich)
- Kriminalfall 2006
- Geschichte Niederösterreichs