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Jüdische Gemeinde zu Oldenburg

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Datei:Leo-Trepp-Straße 15 Synagoge in Oldenburg (2023).jpg
Die Synagoge in Oldenburg in der ehemaligen Baptistenkapelle

Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg (JGO) ist eine jüdische Gemeinde in der Stadt Oldenburg in Niedersachsen, die 1992 neu gegründet wurde.

Geschichte

Vorläufergemeinden

Datei:Young Nathan Marcus Adler.JPG
Der erste Landrabbiner Nathan Marcus Adler

Eine jüdische Synagogengemeinde existierte bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Oldenburg, der dazugehörige jüdische Friedhof Oldenburg wurde 1814 eröffnet.<ref>Zeittafel Stadt/Land Oldenburg, abgerufen am 6. November 2010.</ref> 1827 wurde in der Residenzstadt unter Großherzog Peter Friedrich Ludwig das erste Landesrabbinat im Großherzogtum Oldenburg eingerichtet; der erste Landesrabbiner wurde der damals erst 25-jährige Nathan Marcus Adler.<ref>Stadt Oldenburg – Oldenburger Köpfe – Marcus Nathan Adler, abgerufen am 31. Januar 2012.</ref> Die erste bekannte Synagoge befand sich von 1829 bis 1854 in einem Privathaus an der Mühlenstraße, wo auch der Rabbiner seinen Wohnsitz hatte.<ref>Geschichte der Stadt Oldenburg. Band I. S. 551.</ref> Den Grundstein für eine neue Synagoge mit Schulhaus an der Peterstraße legte 1854 Großherzog Nikolaus Friedrich Peter.<ref>Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung. Isensee, Oldenburg 1988, S. 57.</ref> 1905 wurde sie nach erheblichem Aus- und Umbau erneut eingeweiht. Diese Synagoge wurde im November 1938 zerstört; gleichzeitig wurde der damalige Landesrabbiner Leo Trepp<ref>Stadt Oldenburg – Ehrenbürger – Prof. Dr. Dr. h.c. Leo Trepp, abgerufen am 31. Januar 2012.</ref> zusammen mit weiteren jüdischen Männern in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Ihre Frauen und Kinder ereilte einige Zeit später das gleiche Schicksal.<ref>Klaus Dede: Oldenburg & Ammerland. Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 1977, S. 147.</ref> Den jüdischen Friedhof an der Dedestraße gibt es heute noch, jedoch gilt er als ein historischer Friedhof, auf dem keine Beerdigungen mehr stattfinden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde die Gemeinde neu gegründet. Unter Vorsitz von Adolf de Beer wurde zunächst ein Gebetsraum in der Cäcilienstraße eingerichtet, später wurde das Gemeindezentrum in die Lambertistraße verlegt. Die Gemeinde löste sich jedoch mangels Mitgliedern Ende 1960 wieder auf. Zwar gab es noch Juden in Oldenburg zu dieser Zeit, sie mussten allerdings bis nach Hannover fahren, um an einem Gottesdienst teilnehmen zu können.

Gründung der heutigen Gemeinde

Die Geschichte der Neugründung der jüdischen Gemeinde zu Oldenburg geht bis in das Jahr 1983 zurück. Die Initiative zur Neugründung ging von einer dreiköpfigen Gruppe aus: Renee van Vugt, eine in Oldenburg wohnende Israelin, sowie Uta Preiss Ihle und Björn Ihle (Mutter und Sohn) aus Oldenburg, die sich aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln entschieden, Hebräisch lernen zu wollen. Neben dem Hebräischunterricht wurde auch über das Judentum gesprochen, und nach einiger Zeit begann man, die jüdischen Feiertage gemeinsam zu begehen. Mit der Zeit suchte man weitere Menschen mit jüdischem Hintergrund aus Oldenburg und Umgebung und lud sie zu den gemeinsamen Treffen ein. So wurde die Gruppe größer, und es kamen Menschen aus allen Bereichen hinzu, so auch die spätere langjährige Vorsitzende der Gemeinde Sara-Ruth Schumann.

Man begann, sich in einem größeren privaten Raum zu treffen, es wurde Ende der 1980er Jahre die „Jüdische Gruppe zu Oldenburg“ gegründet. Die Gruppe wandte sich an den damaligen Oberrabbiner von Niedersachsen Henry G. Brandt mit der Bitte, betreut zu werden. Er kam einmal im Monat nach Oldenburg und betreute und unterrichtete die Gruppe, bis 1992 die Gemeinde offiziell erneut gegründet wurde. Ausschlaggebend war der Wunsch nach einem Ort, an dem jüdische Traditionen wieder gelebt werden konnten. 16 Teilnehmer unterschrieben das Gründungsprotokoll der Gemeinde am 6. August 1992.<ref>Jüdische Gemeinde zu Oldenburg 1992–2002. Isensee, Oldenburg 2002, S. 5.</ref> Dies war nach der Shoa der zweite Versuch, in Oldenburg jüdisches Leben zu integrieren.

Wieder fanden die Gottesdienste zunächst in Privaträumen statt, bis die Stadt Oldenburg der jüdischen Gemeinde die denkmalgeschützte ehemalige Baptistenkapelle<ref>Baptistenkapelle, später Peter-Friedrich-Ludwigs-Hospital (Isolierhaus), jetzt Synagoge im Denkmalatlas Niedersachsen</ref> in der Wilhelmsstraße (seit 2013: Leo-Trepp-Straße<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Festakt zum 100. Geburtstag von Leo Trepp in Oldenburg (Memento vom 6. Mai 2014 im Internet Archive), abgerufen am 6. Mai 2014.</ref>) zur Verfügung stellte. Nach umfangreichen Umbauten durch die Stadt wurde das Gebäude im März 1995 als neue Synagoge eingeweiht.<ref>Die Oldenburger Synagoge, abgerufen am 6. November 2010.</ref> Das Haus aus dem Jahr 1868 hatte einst dem Guttemplerorden als Logenhaus gedient und war ab 1916 vom benachbarten Peter Friedrich Ludwigs Hospital vorübergehend als Infektionshaus genutzt worden; später war hier bis 1984 das Institut für Labormedizin untergebracht.<ref>P. Tornow: 150 Jahre Peter Friedrich Ludwigs-Hospital. Die Geschichte der Städtischen Kliniken seit 1784. Holzberg-Verlag, Oldenburg 1991, ISBN 3-87358-367-4.</ref> Bei der Sanierung wurde der wiederaufgefundene Schmuckstein der ersten Synagoge über das Portal des neuen Gotteshauses eingebaut.<ref>Die neue Synagoge und das jüdische Kulturzentrum, Wilhelmstraße 17 in Oldenburg (Oldb). Isensee, Oldenburg 1996, S. 55.</ref> Zu dieser Zeit war die Gemeinde bereits aufgrund von Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich angewachsen. Zur Einweihung der neuen Synagoge 1995 war unter anderen auch der frühere Landesrabbiner Leo Trepp anwesend.<ref>Jüdische Gemeinde zu Oldenburg 1992–2002. Isensee, Oldenburg 2002, S. 16.</ref> Im Jahr 2000 wurden das Gemeindehaus neben der Synagoge und die Mikwe fertiggestellt sowie ein neuer jüdischer Friedhof in Kreyenbrück eingeweiht.

Heute zählt die Gemeinde wieder mehr als 300 Mitglieder.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />www.juedischegemeinde-zu-oldenburg.de (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive), abgerufen am 12. Dezember 2011.</ref>

Ende November 2013 wurde der jüdische Friedhof an der Dedestraße schwer geschändet und mit Hakenkreuzen und Graffiti beschmiert. Auf dem Friedhof, der im Jahr 2000 geschlossen wurde, befinden sich ca. 300 Grabstätten aus den Jahren 1814 bis 2014.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Gräber auf jüdischem Friedhof geschändet (Memento vom 9. Dezember 2013 im Internet Archive), abgerufen am 6. Dezember 2013.</ref>

Die zunächst 1992 als eingetragener Verein gegründete Gemeinde erhielt im Dezember 2020 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen.

Brandanschlag auf die Synagoge

Am 5. April 2024 wurde ein Brandsatz gegen eine Eingangstür der Synagoge der jüdischen Gemeinde geworfen.<ref>Brandanschlag auf Synagoge in Oldenburg - Suche nach Tätern läuft bei ndr.de vom 8. April 2024</ref> Bei dem Brandanschlag entstand Sachschaden, Menschen wurden nicht verletzt.<ref>Brandanschlag auf Oldenburger Synagoge in Süddeutsche vom 5. April 2024</ref> Noch am Tag des Anschlags versammelten sich über 300 Menschen zu einer Mahnwache vor der Synagoge.<ref>Hunderte Menschen bei Mahnwache vor Synagoge – Demo am Sonntag geplant in NWZ vom 5. April 2024</ref> Zwei Tage nach dem Anschlag kam es in Oldenburg zu einer Demonstration gegen Antisemitismus mit rund 500 Teilnehmern, darunter die Landtagspräsidentin Hanna Naber und der Oldenburger Oberbürgermeister Jürgen Krogmann.<ref>Oldenburg: Hunderte demonstrieren nach Brandanschlag Solidarität bei ndr.de vom 7. April 2024</ref> Der Täter, ein 27-jähriger Mann aus dem Landkreis Vechta, konnte erst nach der Vorstellung des Falls Anfang 2025 in der Fernsehreihe Aktenzeichen XY … ungelöst aufgrund von Zuschauerhinweisen identifiziert und schließlich festgenommen werden.<ref>Brandanschlag auf Synagoge: Offenbar kein politischer Hintergrund bei ndr.de vom 28. Januar 2025</ref> Nach einem psychologischen Gutachten führte das Landgericht Oldenburg ein Sicherungsverfahren durch.<ref>Anschlag auf Synagoge: 28-Jähriger entschuldigt sich vor Gericht bei ndr.de vom 11. Juni 2025</ref> Es entschied am 16. Juni 2025, ihn dauerhaft in ein psychiatrisches Fachkrankenhaus einzuweisen. Das Gericht kam zu der Überzeugung, dass der Mann schuldunfähig sei, weil er an paranoider Schizophrenie leide. Zum Tatzeitpunkt hatte er einen akuten Schub und handelte aus religiösem Wahn. Eine politische Tatmotivation sah das Gericht nicht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Täter hatte während des Verfahrens die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde um Entschuldigung gebeten.<ref>Brandanschlag auf Synagoge: 28-Jähriger muss auf Dauer in Psychiatrie bei ndr.de vom 16. Juni 2025</ref>

Amtierende Rabbiner

Datei:Rabbiner Levi Israel Ufferfilge.jpg
Rabbiner Levi Israel Ufferfilge
  • 1992–1995: Henry G. Brandt
  • 1995–2004: Bea Wyler (erste Frau nach der Shoah in diesem Amt)
  • 2006–2008: Daniel Alter
  • 2008–2010 Jonah Sievers (Landesrabbiner Niedersachsens, übergangsweise)<ref name=":0">Geschichte. In: Jüdische Gemeinde zu Oldenburg. Abgerufen am 20. Februar 2025.</ref>
  • 2010–2024: Alina Treiger (erste in Deutschland nach 1935 ausgebildete Rabbinerin, Ortsrabbinerin für die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst)<ref>Die Zeit Nr. 45/2010, S. 77.</ref><ref name=":0" />
  • seit 2025: Netanel Olhoeft und Levi Israel Ufferfilge<ref name=":0" />

Literatur

  • Werner Meiners: Oldenburg. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Band II, Göttingen 2005, Seite 1172–1196, ISBN 3-89244-753-5.
  • Sara-Ruth Schumann (Red.): Jüdische Gemeinde zu Oldenburg. 1992–2002. Isensee, Oldenburg 2002, ISBN 3-89598-859-6.
  • Ekkehard Seeber (Hrsg.): Die neue Synagoge und das Jüdische Kulturzentrum, Wilhelmstraße 17, in Oldenburg (Oldb). Dokumentation der feierlichen Übergabe durch die Stadt Oldenburg am 5. März 1995 an die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg. Isensee, Oldenburg 1995, ISBN 3-89598-360-8.
  • Johannes-Fritz Töllner (Bearb.): Oldenburg. In: Die jüdischen Friedhöfe im Oldenburger Land. Bestandsaufnahme der erhaltenen Grabsteine. Holzberg, Oldenburg 1983, Seite 356–487, ISBN 3-87358-181-7.
  • Martin J. Schmid: Bet Olam – Haus der Ewigkeit. Der alte jüdische Friedhof zu Oldenburg. Isensee Verlag, Oldenburg 2021, ISBN 978-3-7308-1823-7.

Weblinks

Commons: Synagoge (Oldenburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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