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Wasserspeier

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Gargouille)
Datei:Reims Cathedral Gargoyle 10.jpg
Wasserspeier an der Kathedrale von Reims
Datei:Gargoyle Sacre Coeur.jpg
Draufsicht auf einen Wasserspeier mit sichtbarem Wasserkanal, Sacré-Cœur, Paris

Ein Wasserspeier (auch Abtraufe<ref name=":0">Oscar Mothes: Illustrirtes Bau-Lexikon, Band 1: A & B. Leipzig 1881, S. 28: Abtraufe. (Digitalisat)</ref>, Ansetztraufe<ref name=":1">Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Band 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (PDF auf moodle.unifr.ch, PDF abgerufen am 19. Mai 2024), S. 505: Wasserspeier.</ref>) ist im Bauwesen ein wasserabführendes Rohr aus Blech oder Stein, oft in figürlicher Ausschmückung als Tier, Drache oder Mensch, insbesondere an antiken Tempeln und gotischen Kathedralen, falls keine Fallrohre der Dachrinne vorhanden sind.<ref name=":1" />

Durch Wasserspeier schießt das gesammelte Regenwasser der Traufen in einem Bogen vom Gebäude weg und wird so daran gehindert, in das Mauerwerk und das Fundament einzudringen. Die französische Bezeichnung für Wasserspeier ist Gargouille, ins Englische als Gargoyle übernommen, verwandt mit dem deutschen „gurgeln“.

Entwicklung und Formensprache

Figürlich gestaltete Wasserspeier gehören ebenso wie Konsolfiguren oder die Monstrositäten an den Miserikordien zur (Gegen-)Welt des Grotesken in der Kunst.

Antike

Während an antiken Gebäuden das Wasser anfangs oft am Traufrand in voller Breite herabfiel, wurde es seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. in der Regel in einer durch die Sima gebildeten Rinne gesammelt und über gleichmäßig verteilte Wasserspeier abgeführt. Zunächst in Form einfacher tönerner Röhren gestaltet, haben diese seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. meist die Form von Löwenköpfen, seltener von Hundeköpfen; sie können aber auch Theatermasken und ähnliche groteske Wesen darstellen. Die Wasserspeier der Antike standen oft in vertikalem Bezug zu anderen Bauteilen.

Der römische Architekturschriftsteller Vitruv hat die Gestaltungsregeln der antiken Wasserspeier am ionischen Tempel so beschrieben (III. Buch, Kapitel 5.15, in deutscher Übersetzung): „An den Traufrinnen, die über dem Gesims an den Längsseiten der Gebäude sind, sind Löwenköpfe auszumeißeln so verteilt, da sie zunächst über je eine Säule angeordnet sind, die übrigen in gleichen Abständen so verteilt, daß je einer jedesmal der Mitte einer Dachziegelreihe entspricht. Die aber, die über den Säulen liegen, sollen bis zu der Rinne, die von den Ziegeln das Regenwasser aufnimmt, durchbohrt sein, die dazwischen liegenden sollen dicht sein, damit das Regenwasser, das vermittelst der Ziegel in die Rinne läuft, nicht in den Säulenzwischenräumen herabströmt und sich nicht auf Vorübergehende ergießt, sondern nur die über den Säulen angebrachten Löwenköpfe die Wassermassen aus dem Rachen zu speien scheinen.“<ref>Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 4. Auflage, Darmstadt 1987, ISBN 3-534-01121-X, S. 165.</ref>

Mittelalter

Bereits in der Romanik und später in der Gotik und Renaissance verwendete man, besonders bei größeren Kirchengebäuden, häufig dämonische Gestalten oder Tiere in einer symbolischen Bedeutung. Da sie sich als Wasserspeier ausschließlich an der Außenfassade der Kirchen und niemals innen befinden, symbolisieren sie den Einfluss des Teufels auf die irdische Welt, der in Kontrast zur Reinheit des Himmelreiches – symbolisiert durch das Innere der Kirche – steht. Diese wasserspeienden Wesen werden Gargoyles genannt und haben den Ruf, Beschützer zu sein. Ihr dämonisches oder groteskes Aussehen soll den Geistern und Dämonen einen Spiegel vorhalten, sie vergraulen und somit Kirchen und Klöster, manchmal auch Burgen und Wohnhäuser vor bösen Mächten schützen – sie haben folglich eine unheilabwehrende (apotropäische) Bedeutung. Gargoyles werden oft mit animalischem Körper und Gesicht dargestellt, seltener mit menschenähnlichem Körper und dämonischen Gesichtszügen. Häufig haben sie Schwingen, mit denen sie aber laut Mythologie nicht fliegen, sondern nur gleiten können. Abseits des symbolischen Gehalts der Darstellungen wurden jedoch auch humoristische Darstellungen ausgeführt, so genannte Drolerien.

An der Kathedrale von Laon entstanden um die Jahre 1220/1230 die wohl ältesten Beispiele figürlicher Wasserspeier, denen die Gargouilles von Notre-Dame in Paris im späten 13. bis frühen 14. Jahrhundert folgten. Die bizarren, schrecklichen und manchmal grotesken tierischen Formen der früh- und hochgotischen Wasserspeier wurden ab dem 13. Jahrhundert zunehmend durch menschenähnliche Gestalten abgelöst, die im 15. Jahrhundert auch ihren unheilabweisenden Ausdruck verloren. Ähnlich der abgebildeten Maske des hellenistischen Wasserspeiers kamen wieder belustigende Gesichtsausdrücke zur Darstellung.

Aus dieser Zeit sind auch Wasserspeier erhalten, die der verächtlichen Darstellung des Judentums dienen (vgl. Judensau).<ref>Wolfram P. Kastner: Judensauskulpturen an deutschen Kirchen</ref>

Neuzeit

In der Renaissance und im Barock erscheinen Wasserspeier auch an herrschaftlichen Wohnhäusern, in der Regel aus Blech in der Gestalt von Drachen, Delphinen, Vögeln usw.<ref>Oscar Mothes (Hrsg.): Illustrirtes Bau-Lexikon, Band 4: Q bis Z. Leipzig 1884, S. 464: Wasserspeier. (Digitalisat)</ref> Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Wasserspeier zunehmend ihre Bedeutung, doch erfuhren sie im Historismus des späten 19. Jahrhunderts eine letzte kurze Blüte. Gleichzeitig wurden Wasserspeier in den Städten nun „gesetzlich verpönt“<ref name=":0" /> und daher durch – in der Regel schmucklose – Regenfallrohre ersetzt.

Bei modernen Flachdachgebäuden ist der Wasserspeier generell noch als Notüberlauf zu finden, um eine Überlastung des Daches bei verstopften Regenabläufen zu verhindern.

Bildbeispiele

Gargouille und Gargoyle außerhalb des Bauwesens

Über das Englische hat der Begriff als Gargoyle durch die Verwendung in der Fantasy-Literatur und Computerspielen auch in den deutschen Sprachgebrauch Einzug gefunden. Dort beschreibt er in der Regel magische, chimären- oder neidkopfähnliche geflügelte Wesen, die tagsüber Steinstatuen sind, bei Sonnenuntergang zum Leben erwachen und bei Sonnenaufgang wieder zu Stein werden. Beispiele sind die Zeichentrickserie Gargoyles von Disney, die Ultima-Rollenspielserie von Richard Garriott und die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett sowie einzelne Romane von Vickie Taylor, Mary Gentle, Andrew Davidson, Meredith Ann Pierce, aber auch die Harry-Potter-Romanserie von Joanne K. Rowling.

Gargoyles sind auch gern genutzte „Monster“ in B-Movie-Horrorfilmen, in denen sie, im Gegensatz zu ihrem Wesen in anderen Mythologien, als böse dargestellt werden. Beispiele hierfür sind die Filme Gargoyles (1972), Gargoyles – Flügel des Grauens (2004), Reign of the Gargoyles (2007) sowie Serien wie Special Unit 2, Geschichten aus der Gruft usw. In den Büchern der Codex-Alera-Serie von Jim Butcher werden sie als steinerne Beschützer geschildert, die alles in ihrer Macht stehende tun, um den Schatz ihres Erschaffers zu schützen. Der einzige Nachteil bestehe darin, dass sie, wie oben erwähnt, nicht bei Tageslicht aktiv werden können, sondern nur bei Nacht.

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Sonstiges

Wasserspeier gibt es auch in Springbrunnen, oftmals in Gestalt eines Tieres, aus dessen Maul der Springstrahl spritzt.

Als Wasserspeier bezeichneten sich selbst zudem artistische Darsteller, die große Mengen an Flüssigkeit (meist Wasser, aber auch Bier ist überliefert<ref>Sauschlau & feuerfest: Menschen, Tiere, Sensationen des Showbusiness, Steinfresser, Feuerkönige, Gedankenleser, Entfesselungskünstler und andere Teufelskerle. Edition Volker Huber, Offenbach 1987.</ref>) zu sich nahmen und durch kontrolliertes Erbrechen in manchmal spektakulärer Weise von sich gaben.

Siehe auch

Literatur

(chronologisch)

  • Oscar Mothes (Hrsg.): Illustrirtes Bau-Lexikon, Band 4: Q bis Z. Leipzig 1884, S. 464: Wasserspeier. (Digitalisat)
  • John Boardman, José Dörig, Werner Fuchs, Max Hirmer: Die griechische Kunst. Hirmer Verlag, Sonderausgabe München 1992, S. ?.
  • Janetta Rebold Benton: Holy terrors: Gargoyles on Medieval Buildings. New York u. a. 1997.
  • Regina E. G. Schymiczek, Heribert Schulmeyer: Willibrord der Wasserspeier. Verlag Kölner Dom, Köln 2002, ISBN 3-922442-46-3.
  • Birgit Bergander: Wasserspeier am Ulmer Münster. Fotos: Marcellus Kaiser. C & S, Laupheim 2004, ISBN 3-937876-09-X.
  • Regina E. G. Schymiczek: Die Siegburger Wasserspeier und der Kölner Dom. Eine Analyse im Spiegel neuer Forschungsergebnisse. In: Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises. 73. Jahrgang. Siegburg 2005, ISBN 3-938535-02-4.
  • Regina E. G. Schymiczek: Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt… Zur Entwicklung der Wasserspeierformen am Kölner Dom. (= Europ. Hochschulschriften: Reihe 28, Kunstgeschichte, 402). Europ. Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/M., Berlin, Bern, Brüssel, New York, Oxford, Wien 2004 (zugl. Diss. Bochum 2003), ISBN 3-631-52060-3.
  • Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 13. März 2024), S. 505: Wasserspeier.
  • Regina E. G. Schymiczek: Höllenbrut und Himmelswächter – Mittelalterliche Wasserspeier an Kirchen und Kathedralen. Mit einem Geleitwort von Barbara Schock-Werner. Verlag Schnell + Steiner, Regensburg 2006, ISBN 3-7954-1807-0.
  • Regina E. G. Schymiczek: Mailands Monster / Milan’s Monsters. Wasserspeier und Grotesken in Mailand / Gargoyles and Grotesques in Milan. Books on Demand, 2010, ISBN 978-3-8391-8256-7.
  • Klaus Hardering, Klaus Maximilian Gierden, Matthias Deml: Wasserspeier des Kölner Domes. Kölner Domverlag, 2016, ISBN 978-3-922442-88-2.

Weblinks

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  }}  (engl.)

Quellen

<references />

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