G’schamster Diener
G’schamster Diener (heute auch gschamster; manchmal kschamster; früher selten kaschamster, besonders in Ungarn<ref>Antal Herrmann: Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. Band 2–3, Buchdruckerei Thalia, 1891, S. 106.</ref> und Slowakei/Mähren<ref>Jégé, Vladimír Petrík: Výhody spoločenského života. Tatran, 1979, S. 130: Kaschamster, S. 131: Kschamster.</ref>) ist eine österreichische Begrüßungs- wie auch Verabschiedungsformel.
Etymologie
Die Floskel heißt auf Hochdeutsch „Ihr gehorsamster Diener“.<ref>Wolfgang Teuschl: Wiener Dialektlexikon. 1990, ISBN 3-900392-05-6, S. 96.</ref> (Ihr) gehorsamster Diener war eine übliche Unterschrift im Briefwechsel des nachrevolutionären 18. und 19. Jahrhunderts (so wie das heutige hochachtungsvoll) und wurde vom sozial niedriger Gestellten verwendet, etwa zusammen mit der Anrede Hochwohlgeboren vom Bürgerlichen gegenüber dem Adeligen.
„[…] und bin ewig mit der : größten Ehrerbietung : Ihr gehorsamster Diener :: Schütz“
„Euer Hochwohlgeboren : gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer :: F. Schiller“
Umgangssprachlich wird daraus „g’horsamster Diener“,<ref>Johann Nestroy: Nur Ruhe. 1843, 1. Akt (nestroy.at).</ref> „g’horsamster Deañer“ (Oberösterreich),<ref>Karl Anton Kaltenbrunner: Oesterreichische Feldlerchen: Lieder und Gesänge in obderennsischer Mundart („Ob der Enns“), v. Ebner, 1857, S. 85: „In der Stadt“ (Online in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.)</ref> teilweise auch, vor allem in alter Schreibweise „ghorsamster“ wie etwa „biß in den tod, ghorsamster underthanigster getrewer diener“ (Philipp Hainhofer an August II. im Oktober 1646<ref>Joachim Lüdtke: Die Lautenbücher Philipp Hainhofers (1578–1647). Vandenboeck & Ruprecht, 1999, ISBN 3-525-27904-3, S. 70.</ref>).
Vereinzelt wird angenommen, dass eine Verbindung zum Jiddischen šam(m)es besteht, was „Synagogendiener, dienstbeflissener Mensch“, aber auch „Liebhaber, Geliebter“ bedeutet.<ref name="tschechisch2003"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />szamster ( des Vorlage:IconExternal vom 24. Mai 2011 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., in: Thomas Menzel, Gerd Hentschel, mit Pavel Jančák und Jan Balhar (Autoren), Rainer Grübel Gerd Hentschel (Hrsg.): <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Teschener Dialekt des Polnischen ( des Vorlage:IconExternal vom 18. Oktober 2010 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., 2., ergänzte und korrigierte elektronische Ausgabe 2005 von Studia Slavica Oldenburgensia, Band 10, Oldenburg 2003.</ref><ref>Wiener slavistisches Jahrbuch, Band 49, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2004, ISBN 3-7001-3307-3, S. 280.</ref>
Verwendung
Eine frühe Erwähnung in gedruckter Form findet sich beispielsweise 1844.<ref>Portfolio eines Oesterreichers, 1. Band, Philipp Reclam jun., Leipzig 1844, S. 4 (Online in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Manchmal wurde der „Diener“ auch weggelassen,<ref>Hermann Broch (1886–1951): Dramen, Suhrkamp, 1979, S. 334, 350, 357: „Gschamster, Herr Chef“, „Gschamster, Herr Wessely“.</ref> wie etwa zu Beginn des folgenden vermuteten Telefonats eines Gerichtspräsidenten in Krakau kurz nach der Jahrhundertwende: „Zu dienen, Herr Oberlandesgerichtspräsident, Euer Exzellenz kaschamster, was geruhen zu wünschen?“<ref>Interpellation des Abgeordneten Ernst Breiter und Genossen an die Herren Minister für Landesverteidigung und des Inneren und an den Herrn Leiter des Justizministeriums betreffs der Affäre Matejko-Windischgraetz, 14. Februar 1906, in: Stenographische Protokolle über die Sitzungen des Reichsrats, Abgeordnetenhaus, 1906, S. 34193 (Online bei Alex).</ref>
Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat es sich im Wienerischen als Höflichkeitsfloskel im Gastgewerbe erhalten, gehört zum Image eines perfekten Kaffeehaus-Obers<ref>Jakob Eber: Wie sagt man in Österreich? 2. Auflage. Bibliographisches Institut, 1980, ISBN 3-411-01794-5, S. 79 (Kellner, Verabschiedung).</ref> und wurde von Hans Moser wieder populär gemacht. Meist wird es zur Begrüßung oder zur Verabschiedung gebraucht, kann aber durchaus bei passender Gelegenheit zwischendurch verwendet werden (etwa im Sinne „Sie wünschen?“). Unter alten Männern im Weinviertel war es bis in die 1950er Jahre ein häufiger Verabschiedungsgruß.<ref>Walter Deutsch, Anton Hofer: Volksmusik in Niederösterreich: Sprüche, Spiele und Lieder der Kinder, Böhlau Verlag, Wien 2004, S. 225 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Heute wird es als einfache Grußform mit humorvollem Lokalkolorit benutzt, etwa im Fiakerwesen.
Ableitungen
Abgeleitet ist ein G’schamster, Gschamster ein ‚Verehrer, Geliebter, Freund‘, oder böse gesprochen auch ein ‚Speichellecker‘.<ref>Edith Salburg (1868–1942): Doppelhochzeit: Roman, Ullstein, 1918, S. 89.
Richard Billinger (1890–1965): Romane, Band 1, Stiasny, 1955, S. 224.
Kurt Weill (1900–1950, Autor), Lotte Lenya (1898–1981, Autor), Lys Symonette (Übers.), Kim H. Kowalke (Übers.): Sprich leise wenn du Liebe sagst: der Briefwechsel Kurt Weill/Lotte Lenya, Kiepenheuer & Witsch, 1998, ISBN 3-462-02748-4, S. 253, 446, 449, Worterklärung, S. 515.</ref> Ein wenig moderner, aber teilweise auch schon als veraltet gekennzeichnet und ohne letzte negative Bedeutung ist der G’schamsterer, Gschamsterer oder Schamsterer.<ref>Peter Wehle: Sprechen Sie Wienerisch? Ueberreuter, 1980, ISBN 3-8000-3165-5, S. 148: Gschamsterer
Herbert Fussy: Auf gut Österreichisch, öbv & hpt, 2003, ISBN 3-209-04348-5, S. 52 Gschamsterer, Markierung: veraltet
Trude Marzik (* 1923): Zimmer, Kuchl, Kabinett: Leben in Wien, Zsolnay, 1976, ISBN 3-552-02828-5, S. 158: Gschamsterer
Ludwig Roman Fleischer (* 1952): Aus der Schule, oder, Europaanstalt Mayerlingplatz: Roman, Sisyphus, 1999, ISBN 3-901960-00-7, S. 81: Gschamsterer
Claudia Erdheim (* 1945): Längst nicht mehr koscher. 2. Auflage. Czernin, 2006, ISBN 3-7076-0208-7, S. 290: G’schamsterer
Erich Lifka (* 1924): Der P.D.: Wie Österreich den Dritten Weltkrieg auslöste, Rundblick-Verlag, 1988, ISBN 3-900809-00-3, S. 65: Schamsterer.</ref>
In Altbayern und teilweise auch in Tirol gibt es den Dschamsterer bzw. Tschamsterer, was ebenfalls ‚Liebhaber, Gspusi, Freund‘ bedeutet, aber auch einen eifrigen, aber nicht überall wohlgelittenen Menschen bezeichnen kann.<ref>Was bedeutet das Wort "Dschamsterer"? (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot, aus der Reihe „Host mi?“, Bayerischer Rundfunk, 27. November 2009.
Peter Gauweiler: Der Dialekt stirbt aus!, Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 24/2008.
Wolfgang Fritz (* 1947 in Innsbruck): Zweifelsfälle für Fortgeschrittene, S. Fischer, 1981, ISBN 3-596-22318-0, S. 85.
Tiroler Bemerkung zu „Haberer“ in: Gregor Retti: Datenbank zur deutschen Sprache in Österreich. 1998–2009.</ref> Im Sächsischen gibt es den Schamstrich als ‚Liebhaber/Bräutigam‘.<ref>Gunter Bergmann: Kleines sächsisches Wörterbuch. C. H. Beck, 1987, ISBN 3-406-31407-4.
Sylvia Koch: Dialektwörter Q–Z (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im November 2022. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot</ref>
Im Tschechischen wurde aus dem G’schamster der šamstr, was entweder etwas veraltet ‚Verehrer, Liebhaber‘ bedeutet oder auch ‚Verbeugung‘. Im deutschen Schlesisch findet es sich als Schamster für „Geliebter, Bräutigam“. Und im polnischen Teschener Dialekt wurde daraus szamster, was ‚hübscher Kavalier‘ (ładny kawaler) bedeutet.<ref name="tschechisch2003" />
Siehe auch
- Servus und Ciao, denen dieselbe etymologische Bedeutung zugrunde liegt
- Küss die Hand!
Quellen
<references />
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Zitat
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Archivlinks 2018-04
- Wikipedia:Weblink offline IABot
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Botmarkierungen 2018-04
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Botmarkierungen 2022-11
- Grußformel
- Redewendung
- Soziologie der Arbeit