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Ferdinand Ďurčanský

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Ferdinand Ďurčanský als slowakischer Innen- und Außenminister (1940)

Ferdinand Ďurčanský (* 18. Dezember 1906 in Rajec, Österreich-Ungarn; † 15. März 1974 in München) war ein slowakischer Jurist, Journalist und Politiker der Hlinka-Partei (Ludaken). Von 1938 bis 1940 hatte er verschiedene Ministerposten innerhalb der autonomen slowakischen Landesregierung (in der Tschecho-Slowakei) und der Regierung des von NS-Deutschland abhängigen Slowakischen Staates inne. Dabei stieg er neben Parteichef Jozef Tiso zur Nummer zwei des Ludaken-Regimes auf, wurde jedoch im Juli 1940 im Rahmen des sogenannten Salzburger Diktates auf Druck Hitlers aus der Regierung entlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er neben Karol Sidor einer der beiden führenden exilslowakischen Politiker.

Leben

Ausbildung und Werdegang

In den 1920er Jahren war er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Ján Ďurčanský bei der faschistischen Rodobrana aktiv.<ref>Juraj Kríž: Časopis Nástup ako faktor slovenskej politiky v 30. rokoch 20. storočia [= Die Zeitschrift Nástup als Faktor der slowakischen Politik in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts]. In: Verbum Historiae, Nr. 2, 2014, ISSN 1339-4053, S. 43–76, hier S. 44. (PDF, slowakisch)</ref> Ďurčanský studierte am Institute des Hautes Études Internationales in Paris sowie der Universität Bratislava und promovierte an der Haager Akademie für Völkerrecht. Anschließend hielt er eine Professur in Bratislava. Seit dem 15. April 1933 gab er gemeinsam mit seinem Bruder Ján Ďurčanský die Halbmonatszeitschrift Nástup (Aufbruch) heraus, die der ganzen Gruppierung der separatistisch eingestellten Radikalen ihren Namen gab (die sog. Nástupisten).<ref>Jörg Konrad Hoensch: Studia Slovaca: Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei in Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, S. 162, ISBN 3-486-56521-4</ref> Von 1938 bis 1939 war er Justizminister, Gesundheitsminister und Sozialminister des infolge der Invasion Hitlers in die „Rest-Tschechei“ entstandenen Slowakischen Staates.

Politik 1938 bis 1945

Der Nationalist Ďurčanský strebte nicht nur Autonomie, sondern die volle Unabhängigkeit des Landes an. Nach dem Deutschlandbesuch Vojtech Tukas und Franz Karmasins am 12. Februar 1939 reiste knapp 2 Wochen später auch Ďurčanský mit einer Delegation nach Berlin, um sich unter anderem mit Hermann Göring und Joachim von Ribbentrop zu treffen. Dabei verfolgte Ďurčanský die Strategie, die Slowakei aus der finanziellen Abhängigkeit von Prag zu befreien, was durch den Rückgriff auf deutsche Kapitalanleihen möglich werden sollte.<ref name="GERVerhandlungen">Edmund Veesenmayer – Von Igor-Philip Matić, S. 69 (online)</ref>

Göring erklärte sich zu wirtschaftlicher Unterstützung bereit, jedoch stellte er die Bedingung einer slowakischen Beteiligung an der Spaltung des tschecho-slowakischen Gesamtstaates. Auch Ribbentrop versicherte, dass die deutsche Reichsregierung die slowakische Selbstständigkeit und die Achtung ihrer Grenzen zu garantieren bereit sei, falls „dieser Schritt in einem günstigen Moment durchgeführt werden würde“. Einige Tage später kam es noch zu wirtschaftlichen Verhandlungen mit Wilhelm Keppler.<ref name="GERVerhandlungen" />

Auch bei den Verhandlungen mit Hitler und dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop zusammen mit Jozef Tiso am 13. März 1939 sprach sich Ďurčanský für die Unabhängigkeit aus.<ref>Vojtech Mastny, The Czechs under Nazi Rule: The Failure of National Resistance 1939–1942, New York: Columbia University Press, 1971</ref> Hitler bestand gegenüber Tiso ebenfalls auf eine sofortige Unabhängigkeitserklärung – unter der Voraussetzung des Reiches als Schutzmacht –, andernfalls würde die Slowakei ungarischen Interessen überlassen.<ref>Meine zwei Leben: Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden Von Lotte Weiss, S. 196 (online)</ref>

Am 14. März 1939 proklamierte der slowakische Landtag in Bratislava dann einstimmig den Slowakischen Staat. Ďurčanský wurde Außenminister in der Tiso-Regierung. Am 18. März unterzeichnete er gemeinsam mit Vojtech Tuka den von Nazi-Deutschland diktierten Schutzvertrag.<ref>Edmund Veesenmayer – Von Igor-Philip Matić, S. 78 (online)</ref>

Nachdem Jozef Tiso am 26. Oktober 1939 zum Staatspräsidenten gewählt und mit Vojtech Tuka ein Berlin völlig ergebener Politiker zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, übernahm Ďurčanský auch das Innenministerium. Im deutschen Kreisen glaubte man nun die Sorgen über eine ideologische Entfremdung der Slowakei vorerst zurückstellen zu können. Doch gerade der bis dahin zu den germanophilen Radikalen zählende Ďurčanský schloss sich – gestützt auf Kräfte in Wirtschaft, Staatsbürokratie und der Hlinka-Partei und durch das eifersüchtige Misstrauen von Armee und Polizei gegen die Beschneidung ihrer Kompetenzen durch die Hlinka-Garde begünstigt – den katholisch-konservativen Kräften des Staatspräsidenten Jozef Tiso an.<ref>Jörg Konrad Hoensch: Studia Slovaca: Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei in Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, S. 231, ISBN 3-486-56521-4</ref>

Als Innenminister ging Ďurčanský immer wieder gegen Mitglieder der Hlinka-Garde und deren Oberbefehlshaber Alexander Mach vor. Als im Februar 1940 Hlinka-Gardisten und Mitglieder der Freiwilligen Schutzstaffel in Bratislava mit antijüdischen Aktionen begannen, schritt Ďurčanský unverzüglich ein und gab die Weisung heraus, alle antisemitischen Plakate abzunehmen und alle antisemitischen Aktionen in Kaffees, Restaurants und Geschäften zu unterlassen. Weiters kontaktierte die ÚŠB auf initiative Ďurčanskýs den Stabschef der Hlinka-Garde Otomar Kubala und erklärte ihm, dass alle Aktionen der Hlinka-Garde unverzüglich abzubrechen sind, weil sonst gegen Einzelpersonen, die die Aktionen durchführen, nach den geltenden Vorschriften eingeschritten wird.<ref>Peter Sokolovič: HLINKOVA GARDA 1938–1939 In: Ústav pamäti národa, 2009, S. 244 u. 245, ISBN 978-80-89335-10-7</ref>

Auch als Außenminister versuchte er eine möglichst von Nazi-Deutschland unabhängige Politik zu betreiben. Seine Bemühungen, die Kontakte zu den Westmächten zu intensivieren sowie bei der bilateralen Beziehung zum Deutschen Reich slowakische Interessen durchzusetzen, machten ihn in Berlin bald zur „persona non grata“.<ref>Jörg Konrad Hoensch: Studia Slovaca: Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei Oldenbourg, 2000, S. 259 ISBN 3-486-56521-4</ref> Als Tiso als Anhängsel des deutschen Überfalls auf Polen Ende 1939 Javorina und die Arwa zurückeroberte, die ein Jahr zuvor für Gebietsteile von Teschen an Polen abgetreten worden waren, ging dieser Feldzug Ďurčanský zu weit, sodass er über Lissaboner und römische Diplomaten den Briten anbot, im Tausch gegen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Landes durch England Hitler davon zu überzeugen, die Slowakei neutral zu halten. Das Schreiben wurde in Berlin bekannt und Joachim von Ribbentrop überreichte es während des Salzburger Diktats an Staatspräsident Tiso. Dieser sah sich daraufhin gezwungen, Ďurčanský augenblicklich zu entlassen, um den neuen Staat zu retten.<ref>Wer war der Emigrantenführer Matúš Černák?. DIE ZEIT, 14. Juli 1955 Nr. 28</ref> Die Ersetzung Ďurčanskýs, der damals der mächtigste Mann im Kabinett war, verfolgte den Zweck, den Exponenten der Hlinka-Garde eine Ausgangsbasis für die Gleichschaltung der Slowakei nach deutschem Vorbild zu verschaffen.<ref>Jörg Konrad Hoensch: Studia Slovaca: Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei, S. 234</ref>

Flucht und Exil

Vor der Roten Armee floh Ďurčanský 1945 über Österreich und die Schweiz nach Rom, wo er den politischen Widerstand gegen die Neuerrichtung der Tschechoslowakei organisierte (Eingaben an die Friedenskonferenz in Paris 1946, eigene Rundfunksendungen über Kurzwelle für die Slowakei/Sendername: „Barcelona“). 1947 wurde Ďurčanský in der Tschechoslowakei wegen Beteiligung an der Judenverfolgung in Abwesenheit zum Tode verurteilt, allerdings war er in der Verfolgungszeit nicht im Amt gewesen. Die United Nations War Crimes Commission akzeptierte dennoch die tschechoslowakische Anklage, die CIA führte 1951 eine Akte über ihn. Wegen der Gefahr in die Tschechoslowakei ausgeliefert zu werden, ging er 1947 nach Argentinien. Nach dem Schwinden der Auslieferungsgefahr (Koreakrieg) zog er 1952 nach München. Ďurčanský besuchte 1959 die USA und referierte dort verschiedentlich bei antikommunistischen slowakischen Emigrantengruppen. Die Umstände seiner Visaerteilung wurde von B’nai B’rith untersucht.<ref>Ralph Blumenthal: In the War Crimes Archives: Rifts on Prosecutions. New York Times, 26. Dezember 1987 (englisch).</ref> Ďurčanský war seit seiner Gründung 1946 Vorsitzender des Slowakischen Aktionskomitees (Slovenský Akčný Výbor), das 1951 in Slowakisches Befreiungskomitee (Slovenský Oslobodzovacý Výbor) umbenannt wurde und als ein politisches Organ der Exilslowaken galt. In München wurde Ďurčanský aktives Mitglied des Antibolschewistischen Blocks der Nationen und schrieb u. a. in Nation und Europa<ref>Philip Rees: Biographical Dictionary of the Extreme Right Since 1890. Simon & Schuster. New York 1990.</ref> und Der Donauraum, herausgegeben vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa. Ďurčanský stand innerhalb der slowakischen Emigration vor allem in Konkurrenz zu Karol Sidor.<ref>Die Befreiung vom Kommunismus – Von Bernd Stöver, S. 290 (online)</ref>

1970 war er Mitbegründer des „Slowakischen Weltkongresses“, dessen Vize-Vorsitzender er wurde.<ref>Ďurčanský, likvidátor demokracie na Slovensku,sa narodil pred 110 rokmi [= Ďurčanský, Liquidator der Demokratie in der Slowakei, wurde vor 110 Jahren geboren]. In: teraz.sk, 18. Dezember 2016, abgerufen am 15. Februar 2021 (slowakisch).</ref>

Rehabilitierungsversuch nach 1990

Datei:2020 Rajec Ďurčanský.jpg
Büste von Ferdinand Ďurčanský in Rajec

Am 11. Juni 2011 wurde ihm zu Ehren in seiner Heimatstadt Rajec eine Büste errichtet, worauf die Organisation Human eine Anzeige erstattete, und erklärte:

„Eine solche Schändung der Opfer eines unmenschlichen Systems, das diese Person vertritt, ist Ausdruck einer Verachtung und Unehre der Werte, zu denen sich die Slowakei bekennt.<ref>@1@2Vorlage:Toter Link/www.slovakradio.skBüsten-Enthüllung löste Polizeiermittlung aus (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot auf Radio Slovakia International vom 15. Juni 2011, abgerufen am 15. Juni 2011.</ref>“

Am 29. August 2011 wurde die Büste Ďurčanskýs aus Protest während einer Gedenkfeier zu Ehren des Slowakischen Nationalaufstands von Aktivisten der Organisation „Charta 2010“ in Toilettenpapier eingehüllt.<ref>Bustu Ďurčanského v Rajci zahalili do toaletného papiera, auf www.topky.sk, vom 29. August 2010</ref>

Werke

  • Die Existenzberechtigung der kleinen Staaten. Wissenschaftliche Gesellschaft für das Auslandsslowakentum. Bratislava 1944
  • Der Weg zur slowakischen Freiheit. Wissenschaftliche Gesellschaft für das Auslandsslowakentum. Bratislava 1944
  • Die slowakische Frage – eine internationale Frage. München, Selbstverlag Slowakisches Befreiungskomitee, 1954.
  • Mit Tiso bei Hitler. Isar Verlag, München 1956
  • Es war nur eine sowjetische Partisanenaktion. Sonderdruck aus „Politische Studien“, Heft 157. München. Olzog. 1964.
  • Die Slowakei und der Panslawismus. München : Lerche, 1965

Literatur

  • Milan S. Ďurica: Ferdinand Ďurčanský a jeho vzťah k Hitlerovmu Nemecku. [Ferdinand Ďurčanský und sein Verhältnis zu Hitler-Deutschland.] Lúč Verlag, Bratislava 2011, ISBN 978-80-7114-859-3
  • Ferdinand Durčanský in: Internationales Biographisches Archiv 41/1961 vom 2. Oktober 1961, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  • Jerome S Legge, Jr.: Collaboration, Intelligence, and the Holocaust: Ferdinand Ďurčanský, Slovak Nationalism, and the Gehlen Organization. In: Holocaust and Genocide Studies, Band 32, Nr. 2, Herbst 2018, S. 224–248.

Weblinks

Commons: Ferdinand Ďurčanský – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

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