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Déformation professionnelle

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Der französische Ausdruck Déformation professionnelle (deutsch etwa „beruflich bedingte Missbildung“<ref>Beruflich bedingte Missbildung. 21. Mai 2010, abgerufen am 9. März 2025.</ref>) ist ein Wortspiel, das die Neigung bezeichnet, eine berufs- oder fachbedingte Methode oder Perspektive unbewusst über ihren Geltungsbereich hinaus anzuwenden. Auf fachfremde Themen oder Situationen angewendet, kann das zu einer eingeengten Sichtweise, zu Fehlurteilen oder zu sozial unangemessenem Verhalten führen.<ref>Julia Bönisch: Déformation professionnelle – Beruflich bedingte Missbildung. Süddeutsche Zeitung, 21. Mai 2010, abgerufen am 6. Mai 2023.</ref><ref>Thomas Grünfeld: DP - Déformation professionnelle: Gummis, misfits & Kleider von Comme de Garçons. Hrsg.: Udo Kittelmann. Hatje Cantz Verlag, 1999, ISBN 978-3-89322-358-9.</ref> Es ist eine mit der Ausübung eines Berufes einhergehende Veränderung der Persönlichkeit in Richtung Stereotyp dieses Berufs (berufliche Sozialisation).<ref>déformation professionelle. Abgerufen am 9. März 2025.</ref><ref>Heiner Kiesel: Was der Beruf aus uns macht. In: Deutschlandfunk Kultur - Online. Deutschlandfunk AdöR, 27. Juni 2022, abgerufen am 29. September 2025.</ref>

Der Ausdruck ist eine Verballhornung des französischen Begriffs Formation professionnelle für Berufsausbildung oder berufliche Fortbildung, auf den er sich in ironischer Weise bezieht. Er geht vermutlich auf einen Aufsatz des belgischen Soziologen Daniel Warnotte von 1937 zurück,<ref>Daniel Warnotte: Bureaucratie et fonctionnarisme, Revue de l’Institut de Sociologie, 17 (1937), S. 245–260.</ref> und auch Theodor W. Adorno nutzte ihn früh.<ref>Theodor W. Adorno: Tabus über den Lehrberuf. In: ders., Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main 1970, S. 79.</ref>

Beispiele für eine Déformation professionnelle sind Lehrer, die auch privat dozieren und korrigieren, ein Polizist, der auch außer Dienst überall Gesetzesbrecher sieht, oder ein Musiker, der nicht mehr mit Genuss Musik hören kann, weil er nicht anders kann, als sie fachlich zu analysieren.<ref>Dawid Barczynski: Deformation professionelle. In: Christopher Rauen GmbH (Hrsg.): Coaching-Magazin. Nr. 2. Hogrefe, 17. Mai 2017, ISSN 1866-4849, S. 47–49.</ref> Auch von Menschen mit sozialen Berufen wird ähnliches berichtet. Da sie sich häufig mit Rollen und Verhaltensmustern beschäftigen, deuten sie alltägliches Verhalten mitunter in vorgefertigte Schablonen um, die ihnen aus ihrem beruflichen Alltag bekannt sind. Nicht selten werden auch Menschen aus dem privaten oder familiären Bereich diese Rollen zugewiesen (z. B. Täter-Opfer-Konstellationen). Freunde und Familie werden unbewusst analysiert oder "sozialpädagogisch" behandelt, oft ohne dass das gewünscht ist. Begleiterscheinung kann eine Überprofessionalisierung sein. Diese wird verstanden als eine ständige Anwendung von Fachsprache und methodischen Ansätzen im Alltag. Es droht ein erhöhtes Burnout-Risiko durch Überidentifikation, emotionale Erschöpfung und Verlust der professionellen Autonomie<ref>Dawid Barczynski: Déformation professionelle. Abgerufen am 31. Januar 2026.</ref>.

Unter Umständen kann Déformation professionnelle noch verstärkt werden, wenn der jeweilige Lebenspartner denselben Beruf ausübt. Zum Beispiel sprechen Lehrer-Pärchen nur noch über Schüler- oder Klassensituationen, Polizisten über Einsätze oder Sozialarbeiter analysieren und coachen sich gegenseitig oder das Verhalten ihrer Mitmenschen<ref>Philipp Krohn: Wie sich der Beruf auf die Persönlichkeit auswirkt. 16. Mai 2018, abgerufen am 31. Januar 2026.</ref>. Weil im Zuge der Digitalisierung die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr verschwimmen, geht man auch von gestiegenen Fallzahlen in den letzten Jahren aus.

Viele Betroffene von Déformation professionnelle befinden sich ein einer Art Blase (Bubble). Daher fällt ihnen die Abstraktion beziehungsweise Reflexion des eigenen Verhaltens oft schwer. Im Gegenteil erfährt man manchmal durch Lebenspartner auch noch Bestätigung für die eigene Weltsicht (siehe auch Folie à deux).

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

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