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Chabournéit

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Chabournéit
Datei:Chabourneite-Wakabayashilite-89635.jpg
Chabournéit und Wakabayashilith (gelb) von der Typlokalität Jas Roux in der Pelvoux-Gebirgsgruppe (Hautes-Alpes), Frankreich (Sichtfeld 4 mm)
Allgemeines und Klassifikation
IMA-Nummer
  • 1976-042<ref name="IMA-Database" />
  • 2021 s.p.<ref name="IMA-Liste" />
IMA-Symbol

Chb<ref name="Warr" />

Chemische Formel
  • AgzTl8-x-zPb4+2xSb40-x-yAsyS68 mit 0,00 ≤ x ≤ 0,40, 16,15 ≤ y ≤ 19,11, 0,04 ≤ z ≤ 0,11<ref name="IMA-Liste" />
  • (Tl,Pb)5(Sb,As)21S34<ref name="Lapis" />
  • Tl21(Sb,As)91S147<ref name="StrunzNickel" />
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Sulfide und Sulfosalze
System-Nummer nach
Lapis-Systematik
(nach Strunz und Weiß)
Strunz (9. Aufl.)
Dana

II/E.14-050<ref name="Lapis" />

2.HF.10
03.08.12.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem triklin
Kristallklasse; Symbol triklin-pedial; 1<ref name="Webmineral" />
Raumgruppe P1 (Nr. 1)Vorlage:Raumgruppe/1<ref name="JohanMantiennePicot" />
Gitterparameter a = 16,346 Å; b = 42,602 Å; c = 8,534 Å
α = 95,86°; β = 86,91°; γ = 96,88°<ref name="JohanMantiennePicot" />
Formeleinheiten Z = 1<ref name="JohanMantiennePicot" />
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 2,5 bis 3<ref name="Lapis" /> (VHN25 = 78 bis 124, durchschnittlich 95 kg/mm²<ref name="Handbookofmineralogy" />)
Dichte (g/cm3) gemessen: 5,104; berechnet: 5,121<ref name="Handbookofmineralogy" />
Spaltbarkeit fehlt<ref name="Lapis" />
Bruch; Tenazität muschelig<ref name="Handbookofmineralogy" />
Farbe grauschwarz<ref name="Lapis" /> bis schwarz<ref name="Handbookofmineralogy" />
Strichfarbe rotbraun
Transparenz undurchsichtig
Glanz schwacher Metallglanz bis Fettglanz

Chabournéit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“ mit der chemischen Zusammensetzung AgzTl8-x-zPb4+2xSb40-x-yAsyS68 mit 0,00 ≤ x ≤ 0,40, 16,15 ≤ y ≤ 19,11, 0,04 ≤ z ≤ 0,11<ref name="IMA-Liste" /> und damit chemisch gesehen eine komplexe Verbindung aus Silber, Thallium, Antimon und Arsen mit entsprechend den angegebenen Parametern schwankenden Anteilen. Strukturell gehört das Mineral zu den Sulfosalzen.

Chabournéit kristallisiert im triklinen Kristallsystem und entwickelt nur selten millimetergroße Kristalle. Meist findet er sich eng verwachsen mit Pierrotit. Das in jeder Form undurchsichtige (opake) Mineral ist von grauschwarzer bis schwarzer Farbe und zeigt auf den Oberflächen einem schwachen metall- bis fettähnlichen Glanz. Im Auflicht erscheint Chabournéit weiß. Zudem wurden rote, innere Reflionen entlang von Rissen beobachtet. Seine Strichfarbe ist dagegen rotbraun.

Etymologie und Geschichte

Erstmals entdeckt und beschrieben wurde das Mineral 1974 durch Joseph Mantienne (1929–2019<ref name="Mindat-Mantienneite" />) im Rahmen von dessen Doktorarbeit über die Thallium-Mineralisation von Jas Roux im französischen Département Hautes-Alpes. Mantiennes Untersuchungen zufolge war es dort die häufigste Thallifer-Phase bei Jas Roux. Er benannte das neu entdeckte Mineral nach dem Gletscher „Chabournéou“, an dessen Fuß es gefunden wurde. Seiner kurzen Beschreibung zufolge kommt Chabournéit dort in mattschwarzen Aggregaten oder Krusten vor und ist makroskopisch nicht von Pierrotit und Klinopierrotit (heute: Parapierrotit) zu unterscheiden. Chabournéit ist immer mit Realgar und sehr oft mit Stibnit vergesellschaftet, seltener mit Smithit, Routhierit, Laffittit und Wakabayashilith.<ref name="Mantienne-1974" />

Eine erste Analyse der Zusammensetzung und Kristallstruktur von Chabournéit führte 1979 Antun Nagl vom Laboratory of General and Inorganic Chemistry der Universität Zagreb (Jugoslawien)<ref name="hrcak" /> durch, der zu dieser Zeit in der Abteilung für Kristallographie und Strukturlehre der Universität Bern (Schweiz) tätig war.<ref name="Nagl" /> Die für eine Anerkennung des Minerals durch die International Mineralogical Association (IMA) nötige, detaillierte Beschreibung des Minerals folgte 1981 durch Zdenek Johan, Joseph Mantienne und Paul Picot.<ref name="JohanMantiennePicot" />

Das Typmaterial des Minerals wird in der Mineralogischen Sammlung der Mines ParisTech (auch Ecole Nationale Supérieure des Mines oder englisch National School of Mines) aufbewahrt.<ref name="IMA-Typmineralkatalog" />

Klassifikation

Da der Chabournéit erst 1976 als eigenständiges Mineral anerkannt und dies erst 1979 publiziert wurde, ist er in der seit 1977 veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz noch nicht verzeichnet.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer II/E.14-050. Dies entspricht der Klasse der „Sulfide und Sulfosalze“ und dort der Abteilung „Sulfosalze (S : As,Sb,Bi = x)“, wobei in den Gruppen E.10 bis E.14 Sulfosalze mit vorherrschend Thallium/Quecksilber und x = 4,0 bis 1,6 eingeordnet sind. Chabournéit bildet hier zusammen mit Bernardit, Boscardinit, Dalnegroit, Gabrielit, Gillulyit, Imhofit, Jankovićit, Parapierrotit (ehemals Klinopierrotit), Philrothit, Pierrotit, Protochabournéit und Rebulit die unbenannte Gruppe II/E.14 bildet.<ref name="Lapis" />

Die von der IMA zuletzt 2009 aktualisierte<ref name="IMA-Liste-2009" /> 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Chabournéit in die neu definierte Abteilung der „Sulfosalze mit SnS als Vorbild“ ein. Diese ist zudem weiter unterteilt nach den in der Verbindung vorherrschenden Metallen bzw. der Kristallstruktur. Das Mineral ist hier entsprechend seinem Aufbau in der Unterabteilung „Mit SnS- und PbS-Archetyp-Struktureinheiten“ zu finden, wo es als einziges Mitglied die unbenannte Gruppe 2.HF.10 bildet.

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Chabournéit die System- und Mineralnummer 03.08.12.01. Dies entspricht ebenfalls Klasse der „Sulfide und Sulfosalze“ und dort der Abteilung „Sulfosalze“. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 03.08.12 innerhalb der Unterabteilung „Sulfosalze mit dem Verhältnis 1 < z/y < 2 und der Zusammensetzung (A+)i(A2+)j[ByCz], A = Metalle, B = Halbmetalle, C = Nichtmetalle“ zu finden.

Chemismus

Die chemische Zusammensetzung von Chabournéit wurde 1979 von Nagl mit Tl8Pb4Sb21As19S68 für eine b/2-Unterzelle angegeben. Johan, Mantienne und Picot hielten diese Zusammensetzung allerdings für fraglich. Deren Mikrosondenanalysen an jeweils fünf Proben aus der Typlokalität Jas Roux in Frankreich und Abuta in Japan hatten einen Massenanteil (Gewichts-%) von 12,81 bis 23,87 % Thallium (Tl), 0,0 bis 18,72 % Blei (Pb), 25,88 bis 32,92 % Antimon (Sb), 14,83 bis 17,72 % Arsen (As) und 24,73 bis 26,05 % Schwefel (S) ergeben, was mit der empirischen Formel Tl21-xPb2x(Sb,As)91-xS1.47 bei einem Wert für x = 0 bis 17,15 korrespondiert.<ref name="Fleischer-et-al-1982" /> Zudem wiesen die Ergebnisse auf eine Mischkristallbildung hin, bei der Tl+ und (Sb,As)3+ durch zwei Pb2+ diadoch ersetzt (substituiert) werden können.

Johan, Mantienne und Picot schlugen daher in ihrer 1981 publizierten Mineralbeschreibung die Formel Tl21(Sb,As)91S147 für das bleifreie Endglied vor. Diese Formel wies allerdings einen deutlichen Schwefel-Überschuss auf, der nicht mit der modularen Organisation der Kristallstruktur vereinbar war.

Um die Definition und Nomenklatur der Sulfosalze neu festzulegen, wurde ein „Sulfosalz-Unterausschuss“ innerhalb der „Kommission für Erzmineralogie“ gebildet, der in seinem 2008 veröffentlichten Report die allgemeine Formel für mit Tl5-xPb2x(Sb,As)21-xS34 angibt. Das bleifreie Endglied mit x = 0 erhielt die Formel Tl5(Sb,As)21S34, während Chabournéit als bleireiches Endglied mit x ≈ 1 die Formel Tl4Pb2(Sb,As)20S34 erhielt, die sich eng an die von Nagl aufgestellte Formel anlehnt.<ref name="Moelo-et-al-2008" /> Als neudefiniert anerkanntes Mineral wird Chabournéit seitdem in der „Liste der Minerale und Mineralnamen“ der IMA unter der Summenanerkennung „2021 s.p.“ (special procedure) geführt.<ref name="IMA-Liste" />

Kristallstruktur

Chabournéit kristallisiert in der triklinen Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 1)Vorlage:Raumgruppe/1 mit den Gitterparametern a = 16,346 Å; b = 42,602 Å; c = 8,534 Å; α = 95,86°; β = 86,91° und γ = 96,88° sowie einer Formeleinheit pro Elementarzelle.<ref name="JohanMantiennePicot" />

Der Großteil der Kristallstruktur von Chabournéit besteht aus zwei ähnlichen Arten von Tl- und Pb-Netzwerken, die beide parallel der y-Ebene (010) verlaufen. Alle Tl-Atome werden von neun S-Atomen koordiniert. Die Koordinationspolyeder um die Tl-Atome sind trigonale Prismen mit drei zusätzlichen S-Atomen gegen die drei Seitenflächen. Die Koordinationspolyeder um die Pb-Atome sind ebenfalls trigonale Prismen mit einem, zwei oder drei zusätzlichen S-Atomen gegen eine, zwei oder drei Seitenflächen. SbS3- und AsS3-Pyramiden bilden in der Struktur isolierte Gruppen.<ref name="Nagl" />

Kristallstruktur von Chabournéit nach Nagl (1979)<ref name="Nagl" />
Farbtabelle: Vorlage:Farbe Tl 0 Vorlage:Farbe Pb 0 Vorlage:Farbe Sb 0 Vorlage:Farbe As 0 Vorlage:Farbe S

Bildung und Fundorte

Datei:Chabournéite.png
Büschel aus nadeligen habournéitkristallen auf Dolomit aus der Grube Lengenbach im Binntal, Schweiz (Sichtfeld 1,2 mm)

Chabournéit bildet sich hydrothermal in dolomitischen Kalksteinen, meist mit anderen Arsen-Thallium-Mineralen vergesellschaftet wie unter anderem Pierrotit, Parapierrotit und Routhierit auftritt. An seiner Typlokalität, der Lagerstätte Jas Roux in der Pelvoux-Gebirgsgruppe im französischen Gemeindegebiet La Chapelle-en-Valgaudémar, fanden sich daneben Aktashit, Andorit, Auripigment, Laffittit, Madocit, Pyrit, Realgar, Smithit, Sphalerit, Stibnit, Twinnit, Wakabayashilith und Zinkenit als weitere Begleitminerale.<ref name="Handbookofmineralogy" />

Chabournéit gehört zu den sehr seltenen Mineralbildungen und konnte nur in wenigen Proben aus bisher fünf dokumentierten Fundorten weltweit nachgewiesen werden (Stand 2024). Dessen Typlokalität Jas Roux ist dabei der bisher einzige Fundort in Frankreich.<ref name="Fundorte" />

Der bisher ebenfalls einzige bekannte Fundort in der Schweiz ist die für ihre große Mineralvielfalt berühmte Grube Lengenbach in dem zum Kanton Wallis gehörenden Binntal.

Weitere bekannte Fundorte sind die ehemalige Eisen-Grube Miniera di Monte Arsiccio bei Sant’Anna di Stazzema in Italien; die Grube „Tohya“ bei Takarada im japanischen Landkreis Abuta-gun auf Hokkaidō, wo Chabournéit neben Sphalerit noch mit Baryt und Getchellit vergesellschaftet auftrat und die Gold-Erzlagerstätte Vorontsovskoye nahe Krasnoturjinsk (Turjinsk) in der russischen Oblast Swerdlowsk (Ural).<ref name="Fundorte" />

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

<references> <ref name="Fleischer-et-al-1982"> </ref> <ref name="Fundorte"> Fundortliste für Chabournéit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 9. Februar 2026. </ref> <ref name="Handbookofmineralogy"> </ref> <ref name="hrcak"> Boris Kamenar, Dubravka Matković, Antun Nagl: Crystal and Molecular Structure of Two (Phenylsulfonyl)-3-(hexahydroazepin-1-yl)-ureas: (A) 1-(4-Chlorophenylsulfonyl)-3-(hexahydro-lH-azepin-1-yl)-urea and (B) 1-(4-1\'lethylphenylsulfonyl)-3-(hexahydro-1H-azepin-1-yl)-urea. In: Croatica Chemica Acta. Band 56, Nr. 1, 1983, S. 87–95 (hrcak.srce.hr [PDF; 5,6 MB; abgerufen am 9. Februar 2026] vollständiger Name von Antun Nagl). </ref> <ref name="IMA-Database"> IMA Database of Mineral Properties – Chabournéite. In: rruff.net. RRUFF Project; (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="IMA-Liste"> Vorlage:IMA-Liste </ref> <ref name="IMA-Liste-2009"> Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="IMA-Typmineralkatalog"> Catalogue of Type Mineral Specimens – C. (PDF 312 kB) Commission on Museums (IMA), 9. Februar 2021, abgerufen am 9. Februar 2026 (Gesamtkatalog der IMA). </ref> <ref name="JohanMantiennePicot"> </ref> <ref name="Lapis"> </ref> <ref name="Mantienne-1974"> </ref> <ref name="Mindat-Mantienneite"> Mantienneite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 1. September 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="Moelo-et-al-2008"> </ref> <ref name="Nagl"> </ref> <ref name="StrunzNickel"> </ref> <ref name="Warr"> </ref> <ref name="Webmineral"> David Barthelmy: Chabournéite Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 14. Juni 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> </references>