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Bovine neonatale Panzytopenie

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Die als bovine neonatale Panzytopenie (BNP) bezeichnete Erkrankung trat seit 2007<ref name="Bastian">M. Bastian et al.: Bovine Neonatal Pancytopenia: is this alloimmune syndrome caused by vaccine-induced alloreactive antibodies? In: Vaccine. 2011 Jul 18;29(32):5267-75. PMID 21605614</ref> vorwiegend in Deutschland wiederholt bei Kälbern innerhalb der ersten vier Lebenswochen auf<ref>http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/Referrals_document/Pregsure_BVD_78/WC500095958.pdf, S. 6</ref>, von manchen Bauern als Blutschwitzen beschrieben.<ref name="sz">Als würden sie Blut schwitzen. (Nachrichtenartikel) 5. März 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 13. Februar 2016; abgerufen am 23. März 2009.</ref> Die Symptome zeigten sich in Form von plötzlichen Blutungen ohne erkennbaren äußeren Grund: An mehreren Stellen des Körpers trat Blut durch die Haut aus (Hämorrhagische Diathese). Einige Tiere bluteten aus Körperöffnungen und in ihren Eingeweiden.<ref name="sz"/> Zudem wurden massive Unterhaut- und Darmblutungen entdeckt.<ref name="spiegel">Philip Bethge: "Heilige Maria, hilf uns!" (Nachrichtenartikel) Spiegel online, 23. März 2009, abgerufen am 28. März 2009.</ref> Die Tiere verendeten wenige Stunden nach dem Auftreten der Symptome. Bei den betroffenen Tieren wurden Knochenmarksschäden und fehlende Thrombozyten festgestellt. Zudem war die Zahl der Leukozyten stark vermindert.<ref name="spiegel"/>

Vorkommen

Die Erkrankung wurde erstmals 2007 festgestellt. In betroffenen Beständen erkrankten bis zu 15 Prozent der Kälber. Bis zum 28. Februar 2011 wurden in Deutschland 3.000 Fälle registriert, in Europa sind es insgesamt über 4.500.<ref>Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts</ref>

Ursachen

Zwischen dem ersten Auftreten und 2011 wurden zahlreiche Theorien über die Entstehung der Erkrankung aufgestellt. Weil sich die Tiere nicht gegenseitig anstecken, wurde eine Infektion mit Bakterien oder Viren ausgeschlossen. Genetische Defekte werden ebenfalls für unwahrscheinlich gehalten: Kälber von drei verschiedenen Rinderrassen waren betroffen. Die umstrittene Impfung gegen die Blauzungenkrankheit wurde als Ursache ebenfalls ausgeschlossen.<ref name="spiegel"/>

Es wurde vermutet, dass die Krankheit im Zusammenhang mit der Biestmilch steht, welche die Kälber in den ersten Lebensstunden erhalten und sie mit mütterlichen Antikörpern versorgen.

Neuere Erkenntnisse aus dem Institut für Virologie der Universität Gießen zeigen, dass das Zielantigen für die krankheitsauslösenden Antikörper der MHC-Klasse-I-Komplex (MHC-I) ist. Ursache sind Verunreinigungen in Impfstoffen, die auf der Basis von Nierenzelllinien vom Rind produziert werden. Tragen Kälber nun das gleiche MHC-I kommt es zu einer Immunreaktion mit Zerstörung der blutbildenden Zelllinien.<ref>Fabian Deutskens et al.: Vaccine-induced antibodies linked to Bovine Neonatal Pancytopenia (BNP) recognize cattle Major Histocompatibility Complex class I (MHC I). In: Veterinary Research 2011, 42:97 doi:10.1186/1297-9716-42-97.</ref> In Europa wurde bereits 2010 der Impfstoff PregSure BVD von Pfizer gegen Bovine Virusdiarrhoe vorläufig vom Markt genommen, da ein Zusammenhang mit der Impfung der Muttertiere vermutet wurde<ref>European Medicines Agency: EC decisions on referrals: Pregsure BVD. 26. August 2010 http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Referrals_document/Pregsure_BVD_78/WC500095959.pdf</ref>, ein Jahr später auch in Neuseeland, nachdem dort erste Fälle aufgetreten waren<ref>Information zum Impfstoff PregSure BVD: Erlöschen der Zulassung und weitere Forschungsergebnisse. Paul-Ehrlich -Institut. Abgerufen am 20. Januar 2025.</ref>. Andere BVD-Impfstoffe, die nicht auf der Basis von Rinderzelllinien hergestellt wurden, waren nicht betroffen und zeigten keine Induktion von alloreaktiven Antikörpern.<ref name="Bastian"/> Offiziell sind an die viertausend Kälber in Deutschland an den Spätfolgen der Impfung mit PregSure verendet.<ref>Ursache für Blutschwitzen bei Kälbern, BR vom 26. Januar 2012</ref>

Nach 2018 gab es 5 Jahre keine Berichte zu weiteren Erkrankungen dieser Art. 2022 wurde dann drei Fälle beschrieben, zwei davon erhielten Kolostrum von der gleichen Kuh. Es keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit einer BVD-Impfung, allerdings waren die Muttertiere gegen Bovines Herpesvirus 1, Parainfluenza-3-Virus, Bovines respiratory syncytial virus und Blauzungenvirus Serotyp 8 geimpft.<ref>Laurens Chantillon, Bert Devriendt, B. De Jonge, J. Oostvogels, Joeri Coppens, Mathilde L. Pas, Jade Bokma, Bart Pardon: Three cases of alloimmune mediated pancytopenia in calves resembling bovine neonatal pancytopenia. In: BMC Veterinary Research. 2022, Band 18, Nummer 1 doi:10.1186/s12917-021-03117-z.</ref> Eine vergleichbare Erkrankung wurde 2024 bei einem Kalb 19 Tage nach einer Bluttransfusion beobachtet, auch hier wurde eine immunmediierte Thrombozytopenie vermutet.<ref>A. Phipps: Bleeding disorder in a Holstein calf comparable to bovine neonatal pancytopenia. In: Australian Veterinary Journal. 2024, Band 102, Nummer 11, S. 594–601 doi:10.1111/avj.13374.</ref>

Einzelnachweise

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