Ayşe Polat
Ayşe Polat (; * 19. November 1970 in Malatya)<ref name=":0">Ayşe Polat. In: filmportal.de. Deutsches Filminstitut, abgerufen am 1. April 2023.
</ref> ist eine kurdisch-deutsche Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin.<ref name=":1">Regisseurinnen der Berlinale-Retrospektive: „Warum sollten Männer es besser können?“ In: Der Tagesspiegel. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> In ihren Filmen behandelt die Filmemacherin mit alevitisch-kurdischen Wurzeln<ref name=":2">Kreuzberger Regisseurin Ayşe Polat: Berlinale-Debüt mit „Im toten Winkel“. In: Der Tagesspiegel Online. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> die Themen Identitätssuche und Identitätsverlust, in ihren frühen Werken vor allem von türkeistämmigen Migrantenfamilien in Deutschland.<ref name=":0" /> Polat gilt als bedeutende Vertreterin des deutsch-türkischen Kinos Ende der 1990er Jahre.<ref name=":2" />
Leben und Werk
Polat wurde 1970 in der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Malatya in der Türkei geboren. 1978 siedelte sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Hamburg über.<ref name=":0" /> Ihr Vater arbeitete dort bereits in einem Versandhaus.<ref name=":0" /> Von 1990 bis 1995 studierte sie Philosophie, Kulturwissenschaften und Germanistik an der FU Berlin und der Bremer Universität.<ref name=":0" /> Bereits mit 15 Jahren begann sie auf Super 8 und mit der Videokamera zu filmen.<ref name=":0" /> 1991 erhielt sie für ihre Milieustudie Entfremdet beim Bundeswettbewerb Jugend und Video den Förderpreis.<ref name=":0" /><ref>Entfremdet. Abgerufen am 13. April 2024.</ref>
1992 entstand der Kurzfilm „Fremdennacht“ über den Selbstmord des Asylbewerbers Kemal Altun,<ref>Was tut sich – im deutschen Film? | EN GARDE (D 2004). Abgerufen am 1. April 2023.</ref> der vom Hamburger Filmbüro gefördert wurde. 1994 folgte der mehrfach ausgezeichnete Kurzfilm Ein Fest für Beyhan über eine junge Deutschtürkin, die sich von ihrer Familie abnabeln und befreien möchte.<ref name=":1" /> Auch Gräfin Sophia Hatun (1997) wurde auf mehreren internationale Festivals vorgestellt. Ihr Langspielfilmdebüt feiert Ayşe Polat mit Auslandstournee (1999) und wurde auf Filmfestivals in Karlovy Vary, beim Tokyo International Film Festival und in Ankara gezeigt.<ref name=":3">Ayşe Polat. 13. März 2017, abgerufen am 1. April 2023.</ref> Beim Internationalen Filmfestival Ankara wurde der Film mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet.<ref name=":3" /><ref name=":0" /> Ihr zweiter Langfilm En Garde (2004) eröffnete das Locarno Film Festival und erhielt den Silbernen Leoparden für den Besten Film und die Besten Hauptdarstellerinnen.<ref name=":2" /><ref>ZDF-Pressemitteilung / Silberner Leopard für ZDF-Produktion beim Festival von Locarno / Das kleine Fernsehspiel „En Garde“ verbucht Doppelerfolg. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> 2005 erhielt Polat für En Garde den Deutschen Kritikerpreis.<ref name=":4">ZDF-Nachwuchsredaktion Das kleine Fernsehspiel mit Kritikerpreis 2005 und new berlin film award ausgezeichnet. Abgerufen am 1. April 2023.</ref>
2006 inszenierte Polat am Berliner Theater Hebbel am Ufer ihr erstes Theaterstück Otobüs<ref name=":3" />, das die Entführung einer Gruppe deutscher Pauschaltouristen in der Türkei behandelt.<ref>BEYOND BELONGING – MIGRATION². In: Hebbel am Ufer. Hebbel am Ufer, abgerufen am 1. April 2023.</ref> Bei ihrem dritten Spielfilm Luks Glück wirkte Polat als Co-Produzentin mit.<ref name=":5">Ayşe Polat bei Crew United, abgerufen am 1. April 2023.</ref> Die Tragikomödie erzählt die Geschichte einer türkischen Familie zwischen Hamburg und Istanbul, deren Leben durch einen Lottogewinn aus den Fugen gerät.<ref name=":0" /> Ihr Film Die Erbin, den sie u. a. auch produzierte<ref name=":5" />, wurde auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam gezeigt<ref>Fabian Tietke: Interview mit der Regisseurin Ayşe Polat: „Diese Geister verfolgen die Leute“. In: Die Tageszeitung: taz. 19. Februar 2023, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 1. April 2023]).</ref>. Der Film behandelt die Reise einer jungen Frau aus Deutschland zurück in die Heimat des verstorbenen Vaters.<ref name=":0" />
Polat war von Dezember 2013 bis Februar 2014, von August bis November 2014 und von Juli bis August 2015 Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul.<ref name=":6">Kulturakademie Tarabya: Ayşe Polat. In: Kulturakademie Tarabya. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> Im Rahmen des Stipendiums in Tarabya drehte sie ihren ersten Dokumentarfilm Die Anderen.<ref name=":6" /> Der Film feierte auf dem DOK Leipzig seine Premiere.<ref>The Others | Film 2016. In: Moviepilot.de. Abgerufen am 1. April 2023.</ref><ref>The Others · DOK Leipzig. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> 2017/18 folgte eine Artist-Residency an der FU Berlin in der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics – Poetologien audiovisueller Bilder.<ref name=":6" />
2018 führte Polat Regie bei der ZDF-Krimiserie Der Staatsanwalt.<ref name=":1" /> 2020 führt sie Regie beim Dortmunder Tatort und inszenierte Tatort: Masken. 2022 ebenfalls beim Kieler Tatort für Tatort: Borowski und das unschuldige Kind von Wacken<ref>Neuer NDR "Tatort": Borowski ermittelt in Wacken. In: Website des NDR. Abgerufen am 1. August 2023.</ref> (Premiere auf dem Filmfest Hamburg 2023<ref>Tv-Filme auf der Kinoleinwand. In: Website des Filmfest Hamburg. Abgerufen am 30. August 2023.</ref>, TV-Ausstrahlung im November 2023). 2023 kehrte Polat mit dem in drei Episoden erzählten Im toten Winkel zum Kinofilm zurück. Neben ihrer Regieleistung schrieb Polat auch das Drehbuch und war als Co-Produzentin tätig.<ref name=":7" /> Der Film feierte seine Weltpremiere in der Sektion Encounters auf der Berlinale 2023.<ref name=":7">Im toten Winkel | In the Blind Spot. Abgerufen am 1. April 2023.</ref> Auf dem Istanbul Film Festival wurde der sowohl in Hamburg als auch in der Türkei gedrehte Film mit der Goldene Tulpe als bester nationaler Film ausgezeichnet.<ref>The awards of the 42nd Istanbul Film Festival. In: Website des Istanbul Film Festival. Abgerufen am 1. August 2023.</ref> Dort erhielt sie auch die Preise: Bestes Drehbuch, Bester Schnitt und den FIPRESCI-Preis. Genauso erhielt der Film auf dem International Izmir Film and Musci Festival den Crystal Flamingo Award – Bester Film, so auch die Preise: Beste Regie und Kritikerpreis. Auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg erhielt er den German Independence Award für Bester Film. Ein Jahr später wurde das Werk für drei Deutsche Filmpreise nominiert, so auch in der wichtigsten und höchstdotierten Kategorie des Besten Spielfilms. Polat selbst gewann die Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch, Im toten Winkel wurde bei der Verleihung mit der Lola in Bronze in der Kategorie Bester Spielfilm ausgezeichnet.<ref>Die Nominierungen 2024. In: Website des Deutschen Filmpreises. Abgerufen am 21. März 2024.</ref>
Polat ist Mitglied im Bundesverband Regie (BVR).<ref>Ayşe Polat beim BVR, abgerufen am 26. November 2023</ref>
Rezeption
Polat gehörte Ende der neunziger Jahre zur ersten Welle junger türkischer Filmemacher.<ref>Christian Buß: "Luks Glück": Komödie von Ayse Polat über türkische Lottogewinner. In: Der Spiegel. 28. Juni 2012, abgerufen am 31. März 2022.</ref> Ihre kurdische Herkunft erlaubte ihr einen eigenen Zugang zu Themen von Heimat und Herkunft.<ref>Christian Buß: Halbmond über Altona. In: Die Tageszeitung. 31. Dezember 1998, S. 26–27, abgerufen am 31. März 2022.</ref> Sie war als eine der wenigen deutschen Filmemacherinnen mit Migrationsgeschichte<ref>Fabian Tietke: Kaum Töchter zweier Welten. In: Die Tageszeitung. 7. Februar 2019, S. 23 ePaper,Berlin 17 Alle,Nord, abgerufen am 31. März 2022.</ref> auf der Retrospektive der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin vertreten, die das Filmschaffen von Regisseurinnen in der Zeit von 1968 bis 1999 zum Thema machte.<ref>Retrospektive 2019: „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“. Abgerufen am 31. März 2022.</ref>
Filmografie (Auswahl)
- 1991: Entfremdet (Kurzfilm)
- 1992: Fremdenacht (Kurzfilm)
- 1994: Ein Fest für Beyhan (Kurzfilm)
- 1997: Gräfin Sophia Hatun (Kurzfilm)
- 2000: Auslandstournee
- 2004: En Garde
- 2010: Luks Glück
- 2013: Die Erbin
- 2016: The Others (Dokumentarfilm)
- 2021: Tatort: Masken
- 2023: Im toten Winkel
- 2023: Tatort: Borowski und das unschuldige Kind von Wacken
Auszeichnungen
- 1991: Förderpreis Bundeswettbewerb Jugend und Video für Entfremdet<ref name=":0" />
- 1997: Spezialpreis der Jury für Gräfin Sophia Hatun beim Internationalen Filmfestival in Ankara<ref name=":0" />
- 2000: Bestes Regiedebüt für Auslandstournee beim Ankara International Film Festival<ref name=":8">WDR: „Tatort“ aus Dortmund: „Masken“ – Ayşe Polat | Regie – Presselounge – WDR. 25. Oktober 2021, abgerufen am 1. April 2023.</ref>
- 2004: Silberner Leopard für En Garde beim Locarno Film Festival<ref>2004. Abgerufen am 1. April 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
- 2004: Otto-Sprenger-Regie-Preis für En Garde beim Filmfest Hamburg<ref>En Garde • FILMFEST HAMBURG. Abgerufen am 1. April 2023.</ref>
- 2005: Deutscher Kritikerpreis – Bester Kinofilm für En Garde<ref name=":8" /><ref name=":4" />
- 2005: Jury-Preis für En Garde bei dem Ankara International Film Festival<ref>PunktPunktPunkt | Preise. Abgerufen am 1. April 2023.</ref>
- 2018: Best Socio-political Documentary für The Others beim Beyond the Borders Documentary Filmfestival<ref name=":8" />
- 2023: Goldene Tulpe (national) für Im toten Winkel beim Istanbul Film Festival<ref name=":9">The awards of the 42nd Istanbul Film Festival. In: Website des Istanbul Film Festival. Abgerufen am 1. August 2023.</ref>
- 2023: Bestes Drehbuch für Im toten Winkel beim Istanbul Film Festival<ref name=":9" />
- 2023: Bester Schnitt für Im toten Winkel beim Istanbul Film Festival<ref name=":9" />
- 2023: FIPRESCI-Preis für Im toten Winkel beim Istanbul Film Festival<ref name=":9" />
- 2023: Crystal Flamingo Award – Bester Film für Im toten Winkel beim Izmir International Film and Music Festival
- 2023: Beste Regie für Im toten Winkel beim Izmir International Film and Music Festival
- 2023: German Independence Award – Bester Film für Im toten Winkel auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg
- 2023: Beste Regie für Im toten Winkel beim Ankara Film Festival<ref name=":10">34. Ankara Film Festivali’nde Ödüller Sahiplerini Buldu. Abgerufen am 19. Januar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
- 2023: Bestes Drehbuch für Im toten Winkel beim Ankara Film Festival<ref name=":10" />
- 2023: Bestes Drehbuch für Im toten Winkel beim Dohuk International Film Festival<ref name=":11">What Makes a Kurdish Film? Abgerufen am 19. Januar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
- 2023: FIPRESCI-Preis für Im toten Winkel beim Dohuk International Film Festival<ref name=":11" />
- 2024: Beste Regie und Bestes Drehbuch für Im toten Winkel beim Deutscher Filmpreis.
Weblinks
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Polat, Ayşe |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Filmregisseurin und Autorin kurdischer Herkunft |
| GEBURTSDATUM | 19. November 1970 |
| GEBURTSORT | Malatya, Türkei |